Incense of Music 49/ Dhalgren in Duo STREAMING

Incense of Music Nr. 49

Ein multisensorisches Konzert – Freitag, 30th Mai 2020, 8 Uhr

Chris Dahlgren: Gesang, Gitarre, Viola da gamba, Komposition; Evi Filippou: Gesang, Vibraphon, Schlagzeug; – Fabio Dondero and Dominik Breider (Incense burning): n.a.

STREAMING aus dem PANDA Theater in der Kulturbrauerei,
Knaackstr. 97, 10435 Berlin

Der Virus bringt neue Herausforderungen mit sich: Kein Publikum bei den Konzerten, Video- und Audio-Streaming statt Live-Erlebnis. Aber wie funktioniert es mit Räucherungen und Düften  in der virtuellen Welt? Der Virus bringt neue Herausforderungen mit sich: Wir sind dabei und werden Sie bald darüber aufklären.

Dhalgren in Duo – Chris Dahlgren (Stimme, Gitarre, Viola da Gamba, Baglama) und Evi Filippou (Stimme, Vibraphon, Schlagzeug) werden Songs von der neuen Platte ‘Songs from a Dystopian Utopia’ in einem Live-Simulcast aus dem PANDA Theater aufführen 0. Normalerweise tritt das Duo als vier- oder fünfköpfige Band auf; in dieser reduzierten Formation taucht das Duo in die intimen Ecken und Landschaften von Dhalgrens Songs ein, die wirklich genreübergreifend und unmöglich zu kategorisieren sind.

Auf dem neuen Album öffnet er nun eine Luke und steigt von der nocturnen Außenwelt in die schwarze Tag- und Nachtgleiche der Unterwelt ab. Die neuen Songs sind voller Spinnweben, Rattenfallen und uralten Kisten, die man besser nicht öffnet. Und trotzdem sind sie auch von betörender Schönheit. Berlin ist oft besungen worden,  doch hier entsteht ein Bild von den subterranen Welten unter Kreuzberg, Friedrichshain und Mitte, das man so nicht alle Tage hört…. Insofern ist „Songs From A Dystopian Utopia“ am Ende doch mehr Utopie als Dystopie. Und wer dann doch den Mut hat, die Kiste hinter all den Spinnweben in der hintersten Ecke des Kellers zu öffnen, wird einen Schatz voller Anmut und Hoffnung heben.”    – Wolf Kampmann

fresh video:

new release:

https://boomslangrecords.bandcamp.com/album/songs-from-a-dystopian-utopia

 

Dhalgren

Songs From A Dystopian Utopia

„Ich bin ein Berliner“, skandierte John F. Kennedys einst am Brandenburger Tor. Freilich konnte JFK auf der Schaumkrone des Kalten Krieges nicht voraussehen, dass dieser Satz ein halbes Jahrhundert später auf seinen Landsmann Chris Dahlgren noch viel umfassender zutreffen könnte als auf ihn selbst.

In Denver aufgewachsen und in New York sozialisiert, gehörte der Bassist Chris Dahlgren zum engeren Umfeld von Anthony Braxton. Die Reihe der namhaften Jazzmusiker, mit denen er ins Studio ging und auftrat, ist so lang, dass wir sie hier gar nicht erst mit der Aufzählung anfangen wollen. Der Big Apple lag ihm zu Füßen, doch angekommen zu sein, war Dahlgren zu wenig. Er wollte noch einmal über Start gehen und zog vom Hudson an die Spree. Auch in Berlin wurde er schnell zur kreativen Szene-Triebkraft, unter anderem in den Bands Johnny La Marama und Lexicon, wie auch an der Seite von Gebhard Ullmann. Und dann kam wieder alles anders und der passionierte Improvisator und Bassist verlegte sich aufs Songschreiben, Singen und Gitarrespielen.

Unter dem Titel „Songs From A Dystopian Utopia“ legt er nun das zweite Album seiner Band Dhalgren vor. Es ist eine Suite über Dystopien und Utopien, über Abgründe und die unerforschten Winkel unserer selbst, und es ist zugleich ein Album über Berlin. Schon die erste Dhalgren-CD beschrieb die nächtliche Hauptstadt, doch blieb Dahlgren da noch an der Oberfläche. Wenn er versonnen von Corner-Späti erzählt, macht er die ganze Faszination hör- und fühlbar, die ihn als Amerikaner in Berlin umfängt. Auf dem neuen Album öffnet er nun eine Luke und steigt von der nocturnen Außenwelt in die schwarze Tag- und Nachtgleiche der Unterwelt ab. Die neuen Songs sind voller Spinnweben, Rattenfallen und uralten Kisten, die man besser nicht öffnet. Und trotzdem sind sie auch von betörender Schönheit. Berlin ist oft besungen worden,  doch hier entsteht ein Bild von den subterranen Welten unter Kreuzberg, Friedrichshain und Mitte, das man so nicht alle Tage hört.

Dahlgren ließ sich von älteren Science-Fiction-Büchern wie Aldous Huxleys „Brave New World“ oder den Romanen des russischen Atorengespanns Arkadi und Boris Strugatzki beeinflussen. „Ich liebe dystopische Bücher“, hält Dahlgren fest. „Selbst der Name der Band Dhalgren stammt von der klassischen dystopischen Geschichte desselben Namens von Samuel Delany, einem Meisterwerk der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Das war der Ausgangspunkt. Da sind all die Spinnen und Fallen in den Kellerecken, aber da ist auch sehr viel Schönheit. Am Ende geht es um die Utopie der Existenz. Ich schreibe ohnehin keine fröhliche Musik, sondern in meinen Genen steckt die skandinavische Melancholie. Das ist eben meine Art, die Freude am Leben auszudrücken.“

Diese Freude am Leben besteht eben auch darin, die Kraft des Daseins immer wieder neu zu entdecken. Um seinen 50. Geburtstag herum bekam Dahlgren vorübergehend Probleme mit seinen Händen, konnte weder Bass noch ein anderes Instrument spielen und musste sich anderweitig beschäftigen. Schon als Student hatte er mit Texten experimentiert. Statt Trübsal zu blasen, begann er erneut, mit unterschiedlichsten Textfragmenten zu arbeiten. „Ich verwarf bestimmte Sachen, kombinierte andere. Es war wie ein riesiges Puzzle mit Tausenden von Teilen. Ich war gespannt, welche Formen entstehen würden, wenn ich diese Puzzleteilchen zusammensetzte. Als ich wenig später wieder spielen konnte, hatten mich die Texte am Haken. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich hatte nie die Entscheidung getroffen, ein Singer/Songwriter werden zu wollen. Es hatte sich so ergeben, und es gab keinen Weg mehr zurück. Ich liebe es, Bass zu spielen und zu improvisieren, aber die Songs lassen mich nicht mehr los.“

Chris Dahlgren hat für seine Alben keinen Masterplan. Die Songs würden sich von selbst schreiben, er sei nur der Empfänger. Seine neue CD beschreibt er als Haus, in dem sich diverse bizarre Charaktere aufhalten. „Sie reden miteinander, aber manchmal reden sie auch nur auf ihre spezielle Weise mit der Wand. Eine seltsame Party. Mal liegst du auf dem Boden und starrst die Decke an, dann wieder bietet dir jemand ein Glas Absinth an.“ Es ist, als würden diese Geschichten um ihn kreisen, während er sie zum Besten gibt. Dahlgren hat keine bestimmte Mission oder Message im Sinn, sondern es geht ihm um die poetische Begegnung von Text und Melodie, um den Fluss und die Musikalität der Worte. Wie Lester Young in seinen Improvisationen stets den Text des jeweiligen Songs im Kopf hatte, hilft Dahlgren bei der Formulierung seiner Zeilen die Erfahrung der musikalischen Improvisation. „Kunst“, so postuliert er, „erfordert einen gewissen Grad an Naivität und Lebenserfahrung.“

Hinzu kommen Selbst- und Außenreflexion, weshalb er sich auf dem Album mit einigen sehr unterschiedlichen Musikern umgibt, mit denen er flüsternd schreien kann. Da ist zunächst Sidney Werner, ein blutjunger Bassist aus Berlin. Es fällt dem Vollender Dahlgren nicht leicht, gerade den Basspart aus der Hand zu geben, aber Werner ist so fern von und zugleich so nah an seiner eigenen Lebensauffassung, dass er dem Youngster voll und ganz vertrauen kann. An der Gitarre ist der 23-jährige Deutsche/Finne Arne Braun. Dahlgren hat mit einer Vielzahl, weltberühmter Gitarristen gespielt, doch in Braun sieht er einen der flexibelsten und abenteuerlustigsten Saiten-Poeten der nächsten Generation. Dasselbe trifft auf die 27-jährige Vibrafonistin Evi Filippou zu, die auch über Erfahrungen in der Kammermusik verfügt. Im Gegensatz dazu ist der vorarlbergische Drummer und Co-Produzent Alfred Vogel ein alter Haudegen, für den die permanente  Grenzüberschreitung seit Jahrzehnten zum Lebenselixier geworden ist. In Dhalgren kommen Lebensläufe und Lebensentwürfe ganz unterschiedlicher Couleur zusammen, die sich geradezu magisch ergänzen und von Gästen wir Saxofonist Hayden Chisholm und Sängerin Almut Kühne pointiert und abgerundet werden.    

Verantwortung zu übernehmen, heißt für Chris Dahlgren vor allem, Verantwortung abzugeben. Insofern ist „Songs From A Dystopian Utopia“ am Ende doch mehr Utopie als Dystopie. Und wer dann doch den Mut hat, die Kiste hinter all den Spinnweben in der hintersten Ecke des Kellers zu öffnen, wird einen Schatz voller Anmut und Hoffnung heben.