Journal — Betrachtungen

Was haben Düfte und Klänge gemeinsam?

Feldnotizen · 20. Juni 2015

Warum reden wir bei einem Duft von ‘hoch’ und ‘tief’, bei einem Parfum von ‘Akkorden’ und ‘Noten’ — und meinen wir das nur bildlich, oder steckt mehr dahinter?

Chladnische Klangfigur — Muster, das feiner Sand auf einer schwingenden Platte bildet — Foto: Rodrigo Tetsuo Argenton, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Sprache der Parfümerie ist durch und durch musikalisch geliehen: Kopfnote, Herznote, Basisnote; ein gutes Parfum ‘komponiert’ man, und die besten Nasen der Branche heißen bis heute ‘Parfümeure’, nicht ‘Mischer’. Diese Wortwahl ist über hundert Jahre alt — der Parfümeur Septimus Piesse veröffentlichte 1857 eine regelrechte ‘Duftskala’, die einzelne Rohstoffe bestimmten Tonhöhen zuordnete, von den ‘tiefen Bässen’ schwerer Moschus- und Ambranoten bis zu den ‘hohen Diskanttönen’ von Minze und Zitrus.

Lange Zeit galt das als hübsche Metapher und nicht mehr. Doch die experimentelle Psychologie hat in den letzten zwei Jahrzehnten begonnen, dieser Analogie nachzuspüren, und fand dabei erstaunlich konsistente, kulturübergreifende Muster: In Studien, unter anderem von Anne-Sylvie Crisinel und Charles Spence an der Universität Oxford, ordneten Versuchspersonen süße, fruchtige Düfte zuverlässig hohen Tönen zu, rauchige, erdige Düfte dagegen tiefen — unabhängig davon, ob sie über musikalisches Training verfügten oder nicht.

Diese sogenannten crossmodalen Korrespondenzen sind vermutlich kein Zufall, sondern ein Nebenprodukt davon, wie das Gehirn Wahrnehmung überhaupt organisiert: Areale, die für Riechen, Hören und selbst für das Sehen von Helligkeit zuständig sind, tauschen weit mehr Informationen miteinander aus, als lange angenommen wurde. Bei Synästhetikern — Menschen, bei denen sich diese Kanäle in bewussten, oft sehr präzisen Farb- oder Formwahrnehmungen verschränken — tritt dieser Effekt besonders ausgeprägt zutage; doch in schwächerer Form, so legen die Studien nahe, tragen wir alle ein wenig Synästhesie in uns.

Lange vor Kandinsky hatte bereits der französische Jesuitenpater Louis-Bertrand Castel 1725 ein ‘Augenklavier’ (clavecin oculaire) entworfen — ein Tasteninstrument, das beim Anschlag jeder Taste eine farbige Fläche sichtbar machen sollte, in der festen Überzeugung, Töne und Farben ließen sich in ein präzises, fast mathematisches Verhältnis zueinander setzen. Das Gerät funktionierte technisch kaum zufriedenstellend und wurde von Zeitgenossen streckenweise belächelt, doch der Gedanke dahinter — eine formale, reproduzierbare Übersetzung zwischen Sinnesqualitäten — kehrte in immer neuen Varianten wieder, bis hin zu Skrjabins ‘Lichtklavier’ fast zweihundert Jahre später.

Auch außerhalb von Kunst und Forschung hat sich die Analogie in der Praxis bewährt: Weinverkoster greifen ganz selbstverständlich auf musikalische Begriffe zurück — ein Wein wird als ‘harmonisch’, als ‘disharmonisch’ oder mit ‘langem Nachhall’ beschrieben —, und in der Lebensmittelindustrie wird inzwischen gezielt mit Hintergrundmusik experimentiert, um den wahrgenommenen Geschmack von Speisen und Getränken zu beeinflussen: hohe, helle Töne lassen Süßes süßer erscheinen, tiefe, dissonante Klänge verstärken den Eindruck von Bitterkeit — ein kommerziell genutzter Beleg für genau jene crossmodalen Korrespondenzen, die Crisinel und Spence im Labor nachwiesen.

Historisch war diese Verbindung nie ganz vergessen. Bereits Goethes Farbenlehre suchte nach Entsprechungen zwischen Tönen und Farben, und Kandinsky beschrieb explizit, wie bestimmte Farben in ihm musikalische Assoziationen auslösten — Gelb wie eine schrille Trompete, Blau wie ein Cello. Dass Duft in diesen Überlegungen meist fehlte, lag wohl weniger daran, dass die Verbindung schwächer wäre, als daran, dass Riechen in der westlichen Kulturgeschichte lange als der am wenigsten ‘geistige’ der Sinne galt — zu körperlich, zu animalisch, um ernsthaft neben Auge und Ohr zu stehen.

Ein Projekt wie Incense of Music, das seit seinem allerersten Abend im Juni 2015 Musik und Räucherwerk bewusst nebeneinanderstellt, arbeitet insofern nicht gegen eine bloße Metapher, sondern mit einer Verwandtschaft, die tiefer in der Wahrnehmung selbst verankert ist, als das Sprachbild vom ‘Duftakkord’ vermuten lässt. Wer bei einem Konzert gleichzeitig einen Ton hört und einen Rauch riecht, bringt beide, ob bewusst oder nicht, in dieselbe innere Werkstatt — dorthin, wo Wahrnehmung längst nicht mehr sauber nach Sinnesorganen sortiert ist.