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Wer zum ersten Mal ein Stück Weihrauch auf die Glut legt, denkt selten daran, dass er gerade an einer jahrtausendealten Handelsgeschichte riecht. Und noch seltener daran, dass „der“ Weihrauch gar nicht existiert. Hinter dem Wort verbirgt sich das Harz mehrerer Arten der Gattung Boswellia – gut zwei Dutzend sind botanisch beschrieben, aber nur eine Handvoll prägt den Markt. Je nach Art, Standort, Erntezeitpunkt und Sortierung riecht und raucht das Harz völlig anders: zitronig-frisch, balsamisch-süß, pfeffrig, dunkel-harzig oder fast wie ein Nadelwald. Dieser Text führt durch die wichtigsten Herkünfte, vom Dhofar im Oman über den Jemen bis nach Somalia, Äthiopien und Indien.
Ein Baum, der nichts will außer Stein
Weihrauchbäume sind genügsam. Sie wachsen auf kargem, felsigem Boden in trockenen Regionen Südarabiens, am Horn von Afrika und in Indien, oft mit mehreren verdrehten Stämmen und einer flachen Krone. Das Harz entsteht als Wundverschluss: Die Erntenden ritzen die Rinde mit einem speziellen Messer ein, der Milchsaft tritt aus und härtet über Wochen zu den „Tränen“ aus, die später von Hand sortiert werden. Die ersten Schnitte einer Saison liefern in der Regel das geringere Material, spätere Ernten die besseren Qualitäten. Genau deshalb hängen Farbe, Größe und Duft so stark vom Zeitpunkt der Ernte ab.
Diese Genügsamkeit ist zugleich das Problem. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft Boswellia sacra, eine der wichtigsten Arten, als „potenziell gefährdet“ ein; Überweidung, Feuer und zu intensives Anzapfen setzen den Beständen zu. Wer Weihrauch kauft, kauft also immer auch ein Stück knapper werdende Landschaft.
Dazu kommt, dass der Baum sehr langsam auf Eingriffe reagiert. Wird zu oft und zu tief angezapft, schwächt das die Pflanze, und sie bildet weniger keimfähige Samen aus. Junge Bäume wachsen auf beweideten Flächen kaum nach, weil Ziegen und Kamele die Triebe fressen. Die besten Tränen stammen deshalb oft von Beständen, die behutsam und mit Pausen bewirtschaftet werden.
Eine kurze Geschichte des Duftes
Weihrauch ist eines der ältesten Handelsgüter der Welt. Um 1470 v. Chr. ließ die ägyptische Königin Hatschepsut eine Expedition in das Land Punt ausrüsten, das sie als Quelle von Weihrauch und Myrrhe kannte; die Reliefs in ihrem Totentempel in Deir el-Bahari zeigen, wie lebende Bäume in Töpfen nach Ägypten verschifft werden. Ob es sich dabei tatsächlich um Boswellia handelte oder um verwandte Myrrhenbäume, ist unter Fachleuten bis heute umstritten. Später verband die Weihrauchstraße die Küsten Südarabiens mit dem Mittelmeer. Ihre Spuren im Süden des Oman, darunter Wadi Dawkah, Shisr, Khor Rori und Al-Baleed, gehören seit dem Jahr 2000 als „Land des Weihrauchs“ zum UNESCO-Welterbe.

Oman: Hojari, der Maßstab
Im Süden des Oman, in der Provinz Dhofar, wächst Boswellia sacra, die Art, die viele für den „klassischen“ Weihrauch halten. Hier entstehen die Qualitäten, die als Maßstab gelten, und hier begegnet man dem Begriff Hojari. Er bezeichnet im Oman weniger eine einzelne Herkunft als eine Spanne hochwertiger Sorten; im internationalen Handel gelten Hojari und „Silver“ als die höchsten Güteklassen.
Der berühmteste Vertreter ist der grüne Hojari, auch „Royal Green“ oder arabisch akhdar genannt. Seine Tränen sind durchscheinend, mit einem blassgrünen bis silbrigen Schimmer, und sie duften im kalten Zustand schon intensiv nach frischer Zitrone und Limette. Beim Erhitzen kommen eine zarte Süße, ein Hauch von Orangenschale und ein heller, fast koniferenhafter Unterton dazu. Der Rauch ist weiß, weich und kaum bitter. Das Ergebnis wirkt „sauber“, klar und luftig. Nicht zufällig wird dieser Hojari auch als Kaugummi geschätzt, denn der Geschmack ist rund und wenig herb.
Darunter folgen weitere Stufen: ein gelblich-weißer „Superior“ Hojari, der etwas wärmer und weicher riecht, und ein bernsteinbrauner Hojari, der kräftiger, harziger und weniger zitrusbetont ist. Im Handel begegnen einem außerdem Bezeichnungen wie Najdi, Shazri und Sha’abi. Sie stehen für andere Wuchsorte und Qualitätsstufen und sind in der Regel dunkler, trüber und harziger, mit weniger Zitrus und mehr Holz, Rauch und Bitternote. Das macht sie nicht schlechter, nur anders: Für den täglichen Gebrauch in omanischen Haushalten werden sie traditionell geschätzt, und viele schwören auf ihren kräftigeren, wärmeren Charakter. Allerdings schwanken die Beschreibungen je nach Händler, und die Namen sind nicht geschützt; wer sicher gehen will, fragt nach Herkunft, Erntejahr und Sortierung.

Wer Hojari zum ersten Mal vergleicht, merkt schnell, wie sehr die Sinne den Preisunterschied nachvollziehen. Ein guter Stein grünen Hojaris riecht bereits in der Hand, ohne jede Wärme, nach einer geschnittenen Zitrusfrucht. Dunklere Sorten wie Sha’abi werden dagegen oft als wärmer und rauchiger beschrieben und brauchen etwas Hitze, um aufzugehen. Beide Eindrücke gehören zur Vielfalt der Region, und beide haben ihre Berechtigung, im Hausgebrauch ebenso wie bei Festen und religiösen Anlässen.
Jemen und Sokotra: die stille Verwandtschaft
Auch im Osten des Jemen, in Hadramaut und Mahra, wächst Boswellia sacra. Botanisch und im Duft steht dieser Weihrauch dem omanischen sehr nahe, und über Jahrhunderte war Südarabien insgesamt, nicht nur der heutige Oman, das Herz des Handels. Heute ist jemenitischer Weihrauch auf den internationalen Märkten schwer zu bekommen, und die Herkunftsangaben sind oft vage; Krieg und Instabilität erschweren Ernte und Export.
Eine Sonderrolle spielt die Insel Sokotra. Sie beherbergt mehrere endemische Weihrauchbäume, darunter Boswellia socotrana und Boswellia popoviana, die sonst nirgendwo wachsen. Ihre Harze sind kaum im Handel und eher von botanischem und lokalem Interesse als ein Produkt, das man in Europa kaufen könnte.
Somalia, erster Teil: Maydi, der König
Am Horn von Afrika wächst eine Art, die sich deutlich von den arabischen unterscheidet: Boswellia frereana, die nur im Norden Somalias vorkommt, in Somaliland und Puntland, und dort an Felswänden und Kalkhängen klebt. Ihr Harz heißt Maydi (auch Yigaar oder „Koptischer Weihrauch“), und die Einheimischen nennen es den König der Weihrauche. Die Tränen sind groß, klar und goldgelb. Der Duft ist zitronig, pfeffrig und süß zugleich und erinnert an Elemi. Maydi brennt mit auffallend wenig Rauch und sehr sauber, weshalb es in Arabien gern als Kaugummi geschätzt wird. Man verarbeitet es dort außerdem zu einer Paste, die bei Gelenkbeschwerden aufgetragen wird.
Angaben zufolge geht der größte Teil der Ernte nach Saudi-Arabien, wo Pilger das Harz mit nach Hause nehmen. Es gibt bis zu sieben Handelsklassen. Und obwohl Maydi als König gilt, soll auf dem omanischen Markt der allerbeste Hojari sogar teurer sein. Beide haben ihren Rang, nur auf völlig verschiedene Weise: Maydi ist klar, süß und pfeffrig, Hojari frisch, zitronig und luftig.
Eine Besonderheit von Maydi ist, dass es nicht nur als Räucherwerk dient. In Somalia und auf der Arabischen Halbinsel wird es gekaut und in der Volksmedizin eingesetzt. Dass sich ein Harz so selbstverständlich zwischen Küche, Medizin und Ritual bewegt, sagt viel über die Rolle von Weihrauch in diesen Kulturen: Er ist weniger Luxusgut als Alltag.
Somalia, zweiter Teil: Beyo und Boswellia carterii
Der zweite große Weihrauch Somalias heißt Beyo und wird meist unter dem Namen Boswellia carterii gehandelt. Ob es sich dabei um eine eigene Art oder um eine Form von Boswellia sacra handelt, ist botanisch umstritten: Eine einflussreiche Studie der 1980er-Jahre hielt beide für dieselbe Art, neuere chemische Analysen sprechen eher für unterschiedliche Chemotypen. In der Nase ist der Unterschied dagegen klar. Somalischer Beyo ist dunkler und harziger als der Hojari, mit mehr Holz- und Rauchnote und weniger Zitrus. Er liefert die Menge: Somalia gilt als einer der größten Weihrauchlieferanten der Welt, und ein großer Teil des Handelsweihrauchs und der ätherischen Öle stammt aus dieser Quelle. Für Beyo gibt es meist drei Handelsklassen.
Äthiopien, Eritrea, Sudan: der Papierbaum
Weiter westlich und südlich wachsen weitere Arten. Boswellia papyrifera, der „Papierbaum“ mit seiner sich ablösenden Rinde, ist in Äthiopien, Eritrea und im Sudan verbreitet und wird deshalb auch als sudanesischer Weihrauch gehandelt. Seine Tränen sind groß und hell, und der Duft wird oft als frischer, schärfer und weniger süß beschrieben als bei den arabischen Sorten; typisch sind Ester wie Octylacetat, die ihm etwas Fruchtig-Kühles geben. Hinzu kommen Boswellia rivae und Boswellia neglecta, die in Äthiopien, Somalia und Kenia genutzt werden. Ihre Harze gelten als eigenständig, sind aber wenig standardisiert und kommen seltener nach Europa. Bei Incense of Music tauchte mit Boswellia rivae im fünften Konzert eine dieser selteneren Arten auf.
Für die Duftwahrnehmung ist das ein nützlicher Gedanke: Die afrikanischen Sorten sind nicht einfach „billigere“ Varianten der arabischen, sondern eigene Aromen mit eigener Verwendung. Wer nur einen einzigen Weihrauch kennt, kennt nur einen Bruchteil der Möglichkeiten.
Indien: Salai Guggul
Auch auf dem indischen Subkontinent wächst ein Weihrauchbaum: Boswellia serrata, Sanskrit und Hindi Salai Guggul. Sein Harz duftet zitronig-frisch, aber herber und weniger süß als die arabischen Sorten. In der ayurvedischen Tradition ist es seit Langem wichtig, und in der Herstellung asiatischer Räucherwaren ist es der Weihrauch schlechthin. Der Begriff „Olibanum“ wird im Handel meist für Weihrauch insgesamt verwendet; manche Fachleute wollen ihn allerdings enger fassen und auf das indische Harz beschränken.

Was man riecht: ein bisschen Chemie
Eine Weihrauchträne besteht aus Harz, Gummi und ätherischem Öl. Der Duft kommt aus den flüchtigen Anteilen, vor allem Terpenen wie α-Pinen und Limonen, deren Verhältnis von Art zu Art und von Standort zu Standort wechselt. Die berühmten Boswellia-Säuren und Substanzen wie Incensolacetat sind dagegen kaum flüchtig; sie prägen eher Chemie und Forschung als den Geruch.
Wichtig ist auch die Art, wie man das Harz erhitzt. Auf glühender Kohle verbrennt es heiß, und der Duft wird rauchiger, bitterer, dunkler. Auf einer Glimmerplatte oder einem elektrischen Räucherstövchen, das nur sanft erwärmt, zeigen sich dagegen die flüchtigen, zitronigen Anteile viel länger. Wer den grünen Hojari wirklich kennenlernen will, sollte ihn so ausprobieren.
Ein einfacher Test für zu Hause: Legen Sie zwei verschiedene Sorten nebeneinander auf je ein Stövchen oder eine Glimmerplatte und warten Sie fünf Minuten. Die erste Duftwolke ist meist die zitronigste und flüchtigste; erst später treten die harzigen und holzigen Töne hervor. So lernt man Weihrauch in Phasen kennen, wie ein Parfum mit Kopf-, Herz- und Basisnote.
Worauf man beim Kauf achten sollte
Gute Händler nennen Art, Herkunft und Erntejahr. Achten Sie auf ganze Tränen statt auf Staub und Bruch, auf Transluzenz und eine gleichmäßige Farbe sowie auf den Geruch im kalten Zustand: Er sollte klar sein und nicht muffig, nicht seifig, nicht künstlich. Ein sehr niedriger Preis für „Hojari“ ist ein Warnsignal, denn der Begriff ist nicht geschützt. Und schließlich lohnt sich ein Blick auf die Nachhaltigkeit: Faire Handelsbeziehungen und Zertifizierungen wie FairWild sind ein Weg, die Bestände zu schonen, die diesen Duft überhaupt möglich machen.
Weihrauch bei Incense of Music
Auch in unseren Konzerten ist Weihrauch ein wiederkehrender Gast: Er kam schon in zahlreichen Konzerten zum Einsatz, etwa in den Konzerten 8, 18 und 25, jeweils kombiniert mit anderen Pflanzen und Harzen, und er ist auch am heutigen Abend, dem 16. Oktober 2026, wieder dabei. Der Reiz liegt oft gerade im Zusammenspiel: Ein klarer, zitroniger Weihrauch umgibt einen hellen Klang anders als ein dunkler, harziger einen tiefen. Wenn Sie beim nächsten Konzert den Duft bewusst wahrnehmen, hören Sie die Musik vielleicht ein wenig anders.
Mehr zur Pflanze und zu den Konzerten, in denen sie vorkam, finden Sie auf unserer Seite Weihrauch.

Kaum eine Pflanze ist in den letzten Jahren so bekannt geworden wie der Weiße Salbei. Als gebündeltes Räucherkraut liegt er in Esoterikläden, Drogerien und Online-Shops; in sozialen Netzwerken ist vom „Reinigen“ von Räumen die Rede. Dabei ist Salvia apiana zuerst einmal ein Strauch, der an den trockenen Hängen Südkaliforniens wächst, und er ist für mehrere indigene Völker dieser Region seit langer Zeit Nahrung, Medizin und heilige Pflanze zugleich. Dieser Text erzählt von der Pflanze, von ihrer Nutzung bei den Cahuilla, Chumash und ihren Nachbarn und von den Fragen, die sich stellen, wenn ein Heilkraut zur Handelsware wird.
Die Pflanze
Der Weiße Salbei gehört zu den Lippenblütlern (Lamiaceae), der Familie von Lavendel, Thymian und Minze. Er ist ein immergrüner Halbstrauch, der etwa 1,3 bis 1,5 Meter hoch und ähnlich breit wird, und wächst an trockenen Hängen im Küstensalbeigebüsch, im Chaparral und in lichten Kiefernwäldern von Südkalifornien bis nach Baja California, meist unterhalb von rund 1.500 Metern. Seine Blätter sind silbrig-weiß bis grau-grün und stark aromatisch. Im Frühjahr, etwa im April und Mai, erscheinen auf langen, kräftigen Stielen weiße bis hellviolette Blüten.
Der Artname apiana verweist auf die Bienen: Die Blüten sind eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen, Schmetterlinge und Kolibris, weshalb die Pflanze auch „Bienensalbei“ genannt wird. Wachteln fressen die Samen. Der Duft ist kräftig, kampferartig, herb und harzig, und er unterscheidet sich deutlich vom Küchensalbei (Salvia officinalis). Die Analysen des ätherischen Öls nennen unter anderem 1,8-Cineol und Kampfer als wichtige Bestandteile. Der Gattungsname Salvia geht auf das lateinische salvare, „heilen“, zurück. Und auch botanisch ist die Pflanze nicht immer unter diesem Namen gelaufen: Älter ist die Bezeichnung Ramona polystachya.
Der Weiße Salbei hat seinen Platz in einem fragilen Lebensraum. Die Küstenvegetation Südkaliforniens ist durch Bebauung, Brände und eine veränderte Landnutzung stark unter Druck geraten. Für viele Tiere ist der Salbei ein wichtiger Teil dieses Gefüges, und für die Menschen, die dort seit Jahrtausenden leben, ist er viel mehr als das.
Der Weiße Salbei ist robust und zugleich anspruchsvoll. Er braucht durchlässigen, trockenen Boden, volle Sonne und wenig Wasser; zu viel Gießen schadet ihm. Im Garten vermehrt man ihn leichter aus Samen als aus Stecklingen, und er kreuzt sich bereitwillig mit verwandten Salbeiarten wie Salvia leucophylla und Salvia clevelandii. Auf stabilisierten Hängen hält er mit seinen Wurzeln den Boden fest. Das macht ihn für Renaturierungsprojekte interessant, in denen indigene Gemeinschaften heute vielerorts selbst Pflanzen anziehen und Flächen wieder bepflanzen.
Eine Verwechslungsgefahr besteht beim Namen. „White sage“ wird in den USA auch für andere Pflanzen verwendet, etwa für Artemisia ludoviciana, einen Beifuß der Great Plains, der dort ebenfalls zum Räuchern dient. Wer über „weißen Salbei“ liest, sollte also darauf achten, welche Art gemeint ist und aus welcher Tradition die Beschreibung stammt.
Wer ihn nutzt, und wie
Mehrere Nationen im Süden Kaliforniens und in Nordbaja haben den Weißen Salbei genutzt. Die Quellen nennen vor allem die Cahuilla, die Chumash, die Kumeyaay (auch Diegueño genannt) und die Luiseño; auch für die Kawaiisu, die Costanoan und andere finden sich Angaben. Wichtig vorab: Es gibt nicht „die“ indigene Nutzung. Jede dieser Gemeinschaften hat eigene Sprachen, Überlieferungen und Regeln, und die Angaben in der Literatur stammen oft aus ethnobotanischen Erhebungen des 20. Jahrhunderts. Wer hier schreibt, ist Außenstehender und gibt wieder, was dokumentiert ist. Zugleich ist dieses Wissen lebendig, und viele Menschen führen es weiter.
Als Nahrung
Der Weiße Salbei war zunächst eine Nahrungspflanze. Seine Samen waren ein Bestandteil des Pinole, eines Grundnahrungsmittels an der pazifischen Küste: Man sammelte sie mit Schlagkörben und flachen Körben, röstete sie und mahlte sie zu Mehl. Die Cahuilla ernteten große Mengen der Samen und bereiteten daraus Brei und Gebäck, in späterer Zeit auch mit Weizenmehl und Zucker. Die Chumash und benachbarte Gemeinschaften aßen auch Blätter und Stängel; bei den Luiseño wurden die geschälten jungen Triebspitzen gegessen. Auch als Gewürz fand der Salbei Verwendung.
Als Medizin
Die heilkundliche Nutzung ist breit dokumentiert. Cahuilla-Frauen tranken nach der Geburt einen Tee aus den Wurzeln, der Heilung und Kraft bringen sollte. Mehrere Gruppen legten einige Samen ins Auge, um Fremdkörper herauszuspülen: Die Samen quellen schleimig auf, so wie man es in Europa von den Samen des Muskatellersalbeis kennt. Gegen Erkältungen verbrannten die Cahuilla Salbei in ihren Schwitzhütten, aßen die Samen oder tranken einen Tee, den auch die Diegueño für diesen Zweck kannten. Die Cahuilla und die Kumeyaay behandelten Fieber, indem sie Blätter aßen oder in der Schwitzhütte rauchten; ein Aufguss der Blätter diente als Hustenmittel. Genannt werden außerdem Kopfschmerzen, Rheuma und Gliederschmerzen. Bei den Chumash galt er laut Fachliteratur als beruhigendes und harntreibendes Mittel und als Hilfe bei Erkältungen. Auch die Körperpflege gehört dazu: Die Cahuilla vermengten zerriebene Blätter mit Wasser als Shampoo und Spülung, andere beschreiben den Salbei als Deodorant.
Bemerkenswert ist, wie eng Nahrung, Heilung und Ritual ineinandergreifen. Dieselbe Pflanze, die als Brei auf den Tisch kam, wurde in der Schwitzhütte verbrannt, als Tee getrunken und als Waschmittel verwendet. Es gab keine scharfe Grenze zwischen dem, was wir heute „Küche“, „Apotheke“ und „Religion“ nennen würden. Die Pflanze war ein Teil des Alltags, und der Umgang mit ihr folgte Regeln des Respekts: nicht mehr nehmen als nötig, nicht ohne Dank und Gebet, und mit Rücksicht auf die Bestände.

In Ritual und Zeremonie
Am bekanntesten ist der Weiße Salbei als Räucherpflanze. Die Blätter und Stängel werden verbrannt, um Orte, Menschen und Gegenstände zu reinigen und zu segnen; sie sind Teil von Reinigungszeremonien. Die Luiseño entzündeten aus Salbeizweigen Zeremonialfeuer für die Jagd. Für die Chumash ist die Pflanze nach der Fachliteratur ein ritueller und heilkundlicher Begleiter. Typisch ist, dass diese beiden Bereiche nicht getrennt sind: Wer die Pflanze erntet, tut das mit Gebet, Dank und Zeremonie, und was als „Medizin“ gilt, ist zugleich eine spirituelle Praxis. Die Pflanzenführer, die zur Pflege der Bestände raten, betonen deshalb, dass Gebet und Dankbarkeit zur Ernte gehören.
Das Räuchern mit Salbei und anderen Pflanzen ist heute in vielen indigenen Gemeinschaften Nordamerikas verbreitet, nimmt aber je nach Nation unterschiedliche Formen an und trägt unterschiedliche Bedeutungen. Die kalifornischen Traditionen sind nur ein Teil davon. Dass der Weiße Salbei heute in vielen Teilen des Landes gesammelt, getrocknet und zum Räuchern genutzt wird, hat auch mit der jüngeren Geschichte zu tun: Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts waren indigene Zeremonien in den USA durch staatliche Politik eingeschränkt, und erst der American Indian Religious Freedom Act von 1978 sicherte den Schutz religiöser Praxis zu. In der Folge wurden viele Praktiken wieder offener gelebt und zugleich über die Grenzen der Gemeinschaften hinaus bekannt.
Vom heiligen Kraut zur Ware
Mit der Popularität kam der Druck. Weißer Salbei wird heute in großen Mengen verkauft, oft als „wildgesammelt“ beworben. Weil es nur wenige großflächige Anbaubetriebe gibt, stammt ein großer Teil des Angebots in den USA Berichten zufolge aus illegaler Wildsammlung auf privatem oder öffentlichem Land. Nach kalifornischem Recht darf man Weißen Salbei nicht einfach am Wegesrand sammeln, und kommerzielle Genehmigungen für den Wildverkauf soll es nicht geben. Die Chumash und andere indigene Gemeinschaften Kaliforniens sorgen sich seit Langem über die Übernutzung. Mehrere Organisationen führen die Art auf Beobachtungs- oder Gefährdungslisten, und Gruppen wie die California Native Plant Society unterstützen indigene Initiativen, die die Pflanze schützen wollen. Verstärkt wird das Problem durch Brände, die große Flächen des Lebensraums zerstören.
Wie eine verantwortungsvolle Ernte aussieht, beschreiben indigene Sammlerinnen und Sammler ähnlich: Man erntet nur, was man tatsächlich für die Zeremonie braucht, lässt die Pflanze stehen und schneidet sie nicht kahl, und man achtet darauf, dass sie sich erholen kann. Dieses Maß lässt sich kaum mit dem Geschäft vereinbaren, bei dem Hunderte Kilogramm in kurzer Zeit gesammelt werden. Aus der Sicht vieler Gemeinschaften liegt hier der eigentliche Konflikt: nicht im Räuchern an sich, sondern in einer Wirtschaftsweise, die der Pflanze und den Menschen, die sie pflegen, wenig zurückgibt.
Hinzu kommt eine kulturelle Frage. Viele indigene Praktizierende sagen, dass solche Heilpflanzen nicht gekauft und verkauft werden sollten, denn die Haltung der Person, die sie geerntet hat, geht mit der Pflanze mit. Wer sie sammelt, nimmt, was für die Zeremonie nötig ist, und empfohlen wird, erst am Ende der Wachstumsperiode nach der Blüte zu ernten. Für viele Gemeinschaften ist es bitter, wenn sie ihre eigene Medizin bei denselben Händlern kaufen müssen, die ihre Bestände gefährden. Initiativen wie die Kampagne „Return & Protect White Sage“ setzen sich dafür ein, dass indigene Gemeinschaften wieder Zugang zu ihrem Land und ihren Pflanzen bekommen.
Was bedeutet das für alle, die den Duft schätzen? Eine einfache Antwort gibt es nicht, aber einige Anhaltspunkte. Man kann sich fragen, woher der Salbei stammt, und wenn die Herkunft unklar ist, auf ihn verzichten. Man kann Pflanzen aus Kulturen nehmen, die nicht bedroht sind, etwa heimischen Beifuß, Wacholder oder Küchensalbei, oder man baut Weißen Salbei selbst im Garten an, wo das Klima es zulässt. Und man kann bewusst auf Begriffe, Rituale und Gesten verzichten, die man nicht kennt und die einer anderen Tradition gehören.
Was man riecht, und was man weiß
Getrocknet und erhitzt, duftet Weißer Salbei krautig, kampferartig, scharf und leicht süßlich, mit einer harzigen Tiefe. Der Rauch ist deutlich herber als der von Weihrauch und weniger rund. Die Forschung hat die Pflanze erst in den letzten Jahren genauer untersucht: Neben dem ätherischen Öl enthält sie Terpene, Diterpene und Flavonoide, und Extrakte zeigten in Laborversuchen Wirkungen auf Rezeptoren des Nervensystems. Eine Übersichtsarbeit von 2022 fasst zusammen, dass die traditionellen Anwendungen als Beruhigungsmittel, harntreibendes Mittel und gegen Erkältungen mit den chemischen Befunden verglichen werden müssen und dass noch viele Fragen offen sind. Mit anderen Worten: Die Überlieferung ist alt und reich, die wissenschaftliche Absicherung dagegen jung und lückenhaft. Wie bei jedem Rauch gilt zudem, dass er Atemwege reizen kann; für rauchempfindliche Personen ist Räuchern nicht geeignet.
Räuchern in Europa: Alternativen und Respekt
In Europa hat das Räuchern mit Kräutern eine eigene, lange Geschichte, die nichts mit Kalifornien zu tun hat: Wacholder, Beifuß, Salbei, Thymian, Lavendel oder Weihrauch wurden in Kirchen, Stuben und Ställen verbrannt, um Räume zu reinigen, Gäste zu begrüßen oder die Luft zu verbessern. Wer das Ritual des Räucherns für sich entdecken möchte, kann an diese Traditionen anknüpfen. Der heimische Küchensalbei (Salvia officinalis) etwa riecht anders als sein kalifornischer Verwandter, nämlich wärmer, würziger und weniger kampferartig, und er lässt sich leicht im eigenen Garten ziehen.
Wo man Weißen Salbei dennoch verwenden möchte, helfen drei Fragen: Woher kommt er? Wer hat ihn geerntet und unter welchen Bedingungen? Und wofür verwende ich ihn? Eine ehrliche Antwort darauf ist wichtiger als jede Zertifizierung, denn Begriffe wie „nachhaltig“ oder „wildgesammelt“ sind im Handel nicht geschützt.
Weißer Salbei bei Incense of Music
Auch bei Incense of Music kam Weißer Salbei vor: im Konzert 65 am 4. Juli 2025, zusammen mit Priprioca, und im Konzert 74 am 12. Juni 2026, zusammen mit Aralia racemosa. Dieser Beitrag soll helfen, die Pflanze, die wir in diesen Konzerten riechen, auch in ihrem Zusammenhang zu verstehen: als ein Strauch mit Geschichte, als Nahrung und Medizin für die Menschen Südkaliforniens und als ein Duft, dessen Herkunft Respekt verdient.
Journal — Instrumente
Die Stimme in der Mitte: Eine kleine Geschichte der Viola
Feldnotizen · 7. Oktober 2026
Sie ist größer als die Geige, kleiner als das Cello und klingt doch nach keinem von beiden. Über ein Instrument, das gelernt hat, aus der Mitte zu sprechen – und über die Menschen, die es zum Leuchten bringen.

Antonio Stradivari, Viola contralto des „Cuarteto Real“, 1696, Königspalast Madrid – Foto: Joseolgon, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Ein Instrument zwischen den Stühlen
Es gibt Instrumente, die sofort den Raum beanspruchen: die Geige mit ihrem Glanz, das Cello mit seiner warmen Tiefe. Und es gibt die Viola – die Bratsche –, die sich irgendwo dazwischen eingerichtet hat. Im Streichquartett spielt sie selten die Melodie und fast nie den Bass. Sie füllt die Harmonie, verbindet, vermittelt, hält zusammen. Wer genau hinhört, merkt jedoch, dass gerade dort, in der Mitte, oft das Wesentliche geschieht.
Am 16. Oktober stehen bei Incense of Music Nr. 76 gleich drei Violen auf der Bühne: AJ Nilles, Grégoire Simon und Yodfat Miron. Ein guter Anlass, diesem eigenwilligen Instrument einmal ausführlich zuzuhören.
Woher sie kommt
Die Viola ist so alt wie die Geige selbst – vielleicht sogar ein wenig älter. Beide entstanden in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in Norditalien, als Familie der viole da braccio, der „Armgeigen“, im Unterschied zu den viole da gamba, die man zwischen den Knien hielt. Aus diesem braccio wurde im Deutschen die „Bratsche“; im Italienischen blieb einfach „viola“, im Französischen heißt sie „alto“ – nach der Stimmlage, die sie im Ensemble übernimmt.
Zu den frühesten Bildzeugnissen dieser neuen Instrumentenfamilie gehören die musizierenden Engel, die Gaudenzio Ferrari in den 1530er-Jahren in die Kuppel des Wallfahrtsheiligtums von Saronno bei Mailand malte. Die ältesten erhaltenen Instrumente stammen von Andrea Amati aus Cremona, der um die Jahrhundertmitte Violinen, Violen und Violoncelli baute – in Formen, die im Kern bis heute gültig sind.
In der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts war die mittlere Lage oft doppelt oder dreifach besetzt: Es gab Alt- und Tenorviolen in unterschiedlichen Größen. Viele der großen Tenorviolen wurden später verkleinert, weil sie unbequem zu spielen waren und die Satzweise sich änderte. Nur wenige haben in ihrer ursprünglichen Größe überlebt.
Ein unmögliches Instrument
Die Viola ist eine Quinte tiefer gestimmt als die Geige, auf C – G – d – a, und damit genau eine Oktave höher als das Cello. Akustisch betrachtet müsste ihr Korpus für diese Stimmung über fünfzig Zentimeter lang sein. Ein solches Instrument ließe sich aber nicht mehr unter dem Kinn halten. Also baut man Violen meist zwischen etwa 38 und 43 Zentimetern – ein Kompromiss zwischen Physik und menschlichem Arm.
Genau dieser Kompromiss macht ihren Klang aus. Die Viola ist für ihre Tonlage eigentlich „zu klein“, und das hört man: Ihr Ton ist etwas verhangen, dunkel, leicht nasal, manchmal herb, oft von einer stillen Melancholie. Hector Berlioz, einer der ersten Komponisten, der sie ernst nahm, lobte in seiner Instrumentationslehre ihren tief melancholischen Charakter. Viele Hörer:innen empfinden sie als das Streichinstrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt – einer Altstimme, die nicht glänzen muss, um zu berühren.
Eine Eigenheit hat sie auch auf dem Notenpapier: Die Viola liest im Altschlüssel, einem C-Schlüssel auf der mittleren Linie. Kaum ein anderes Instrument benutzt ihn heute noch regelmäßig – auch das macht die Bratschistinnen und Bratschisten zu einer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft.
Die großen Instrumentenbauer
Neben Andrea Amati und seinen Nachfahren in Cremona war es vor allem die Schule von Brescia, die große, klangmächtige Violen hervorbrachte: Gasparo da Salò und sein Schüler Giovanni Paolo Maggini bauten Instrumente von beeindruckender Größe und dunkler Kraft, die bis heute von Bratschist:innen gesucht werden.
Antonio Stradivari baute Hunderte von Geigen, aber nur sehr wenige Violen – erhalten sind nur rund zehn. Jede von ihnen ist eine Legende. Die Tenorviola des sogenannten Medici-Quintetts von 1690 ist in Florenz zu sehen, die „Archinto“ von 1696 gehört der Royal Academy of Music in London, und die Viola des spanischen „Cuarteto Real“, ebenfalls von 1696, steht im Königspalast von Madrid. Als 2014 die „Macdonald“-Viola von 1719 versteigert werden sollte, lag das Mindestgebot bei 45 Millionen Dollar – sie fand keinen Käufer. Von Giuseppe Guarneri „del Gesù“, dem großen Rivalen Stradivaris, ist keine einzige Viola bekannt.
Im 20. Jahrhundert versuchten Geigenbauer immer wieder, das Größenproblem zu lösen. Der Bratschist Lionel Tertis entwickelte zusammen mit dem Geigenbauer Arthur Richardson ein eigenes, besonders klangvolles „Tertis-Modell“; spätere Bauer experimentierten mit asymmetrischen, ergonomischen Formen, die mehr Resonanz bei weniger Gewicht versprechen. Die perfekte Viola, so heißt es unter Musiker:innen, gibt es nicht – nur Instrumente, die mit ihrem Kompromiss besonders schön umgehen.
Musik für die Viola
Lange war die Viola ein Instrument der Mittelstimme. Doch schon im Barock gab es Ausnahmen: Georg Philipp Telemann schrieb eines der frühesten Violakonzerte, und Johann Sebastian Bach ließ im sechsten Brandenburgischen Konzert die Geigen ganz weg – zwei Violen führen das Stück an. Mozart, der im Quartett selbst gerne Bratsche spielte, gab ihr in der Sinfonia concertante KV 364 eine gleichberechtigte Solorolle neben der Geige; damit sie strahlender klingt, wird sie dort sogar einen Halbton höher gestimmt.
Im 19. Jahrhundert komponierte Berlioz für Paganini die Sinfonie „Harold en Italie“ mit Solo-Viola – Paganini fand die Partie zu wenig virtuos und spielte sie nie. Brahms schrieb seine beiden späten Sonaten op. 120 für Klarinette oder Viola. Den eigentlichen Durchbruch brachte das 20. Jahrhundert: Paul Hindemith, selbst ein hervorragender Bratschist, schrieb Sonaten und Konzerte für sein Instrument und spielte 1929 die Uraufführung von William Waltons Violakonzert. Béla Bartók arbeitete bei seinem Tod an einem Violakonzert, das sein Schüler Tibor Serly vollendete. Und Dmitri Schostakowitschs letztes Werk, 1975 vollendet, ist eine Sonate für Viola und Klavier – ein Abschied in dunklen, leisen Farben.
Gerade die Neue Musik hat die Viola geliebt, vielleicht weil sie so viel Raum zwischen den Tönen lässt. Giacinto Scelsi schrieb mit „Manto“ ein Stück, in dem der Bratschist im dritten Teil zu singen beginnt. Luciano Berio widmete ihr eine seiner „Sequenzen“, Morton Feldman den Zyklus „The Viola in My Life“. György Ligeti eröffnete seine Sonate für Viola solo mit „Hora lunga“, einem „langen Lied“, das an rumänische Hirtenmelodien erinnert. Zwei dieser Werke – Ligetis „Hora lunga“ und Scelsis „Manto III“ – erklingen auch beim Konzert am 16. Oktober.


Links: Antonio Stradivari, Tenorviola des „Medici-Quintetts“, 1690, Galleria dell’Accademia, Florenz – Foto: Yair Haklai, CC BY-SA 4.0. Rechts: Lionel Tertis, um 1920 – Bain News Service, gemeinfrei. Beide via Wikimedia Commons
Die großen Stimmen der Viola
Dass die Viola heute als Soloinstrument gilt, verdankt sie vor allem einem Mann: Lionel Tertis (1876–1975). Der Engländer spielte unermüdlich Konzerte, bearbeitete Werke für sein Instrument und überzeugte Komponisten, für ihn zu schreiben. Ihm folgte der Schotte William Primrose (1904–1982), dessen Virtuosität endgültig bewies, dass die Bratsche alles kann, was die Geige kann – nur mit anderer Farbe. Für ihn entstand das Konzert von Bartók.
In der Generation danach prägten Yuri Bashmet, Kim Kashkashian, Nobuko Imai und Tabea Zimmermann das Bild des Instruments – Zimmermann übrigens auch als langjährige Professorin in Berlin. Heute gehören Antoine Tamestit, der auf der Stradivari-Viola „Mahler“ von 1672 spielt, Lawrence Power und Maxim Rysanov zu den bekanntesten Stimmen. Und weit außerhalb der Klassik zog John Cale mit seiner elektrisch verstärkten Bratsche bei The Velvet Underground eine dröhnende Spur durch die Rockgeschichte.
Die Mitte als Ort
Über kein Instrument werden so viele Witze erzählt wie über die Bratsche. Wer selbst spielt, kennt sie alle – und lacht meist am lautesten. Denn hinter dem Spott steckt eine stille Bewunderung: Die Viola muss sich nicht in den Vordergrund drängen, um unverzichtbar zu sein. Sie ist das Instrument der Zwischentöne, der Resonanz, des Zuhörens.
Vielleicht passt sie deshalb so gut zum Räucherwerk. Auch ein Duft drängt sich nicht auf; er breitet sich aus, füllt den Raum von innen und verbindet, was vorher getrennt war. Am 16. Oktober treffen drei Violen auf Weihrauch aus Jemen und Weißen Salbei – und in „Under the Voice“, einer komponierten Improvisation für drei teilweise gedämpfte Violen, wird die Stimme in der Mitte selbst zum Raum.
Incense of Music Nr. 76 – AJ Nilles, Grégoire Simon, Yodfat Miron: Freitag, 16. Oktober 2026, 20 Uhr, PANDA Platforma, Berlin. Programm & Tickets · Newsletter abonnieren
Journal — Zeremonien, Teil 5/5
Zeremonien mit Räuchern: Asien
Feldnotizen · 5. November 2025
Der fünfte und letzte Teil der Reihe führt in den einzigen Kontinent, auf dem das Räuchern zu einer eigenen, formalisierten Kunst mit eigenem Regelwerk wurde, gleichrangig neben Teezeremonie und Blumenkunst.

Agarholz (Oud) hoher Qualität — Foto: Hafizmuar, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
In Japan zählt kōdō — wörtlich ‘der Weg des Duftes’ — neben chadō, der Teezeremonie, und kadō, der Blumenkunst, zu den drei klassischen ‘Wegen’ der japanischen Ästhetik. Anders als der westliche Sprachgebrauch nahelegt, ‘riecht’ man beim kōdō nicht an Duftholz — man ‘hört’ es, monkō, ‘Duft hören’. Diese Wortwahl ist kein bloßes Bild: Sie verweist auf eine Haltung konzentrierter, fast meditativer Aufmerksamkeit, wie man sie sonst eher dem Hören von Musik zuschreibt als dem Riechen.
Im Zentrum von kōdō steht fast ausschließlich Jinkō, Adlerholz oder Agarholz — jenes dunkle, harzdurchtränkte Holz, das entsteht, wenn Bäume der Gattung Aquilaria von einem bestimmten Schimmelpilz befallen werden und als Abwehrreaktion ein dichtes, stark duftendes Harz in ihr Gewebe einlagern. Unversehrtes Aquilaria-Holz riecht kaum; erst die Verletzung macht es wertvoll — eine der seltenen Pflanzenstoffe, bei denen genau der Abwehrmechanismus zum begehrten Duft wird, nicht die gesunde Pflanze selbst.
Beim traditionellen Gesellschaftsspiel genjikō, das mit den 54 Kapiteln der Genji-Monogatari verknüpft ist, erraten die Teilnehmenden reihum, welche von mehreren erhitzten Holzproben identisch riechen und welche sich unterscheiden — eine Übung in Unterscheidungsvermögen, die traditionell mit literarischer Bildung und höfischer Raffinesse verbunden wurde und bis heute in spezialisierten Schulen weitergegeben wird.
In China reicht die Verwendung von Räucherwerk in Tempeln mindestens bis in die Han-Dynastie zurück; Räucherstäbchen — Sandelholz, Nelken, verschiedene Harze, oft zu langen, dünnen Stäben gepresst — gehören bis heute zum festen Bestandteil buddhistischer wie taoistischer Tempelbesuche, wo Gläubige sie vor Statuen aufstellen, oft in ungerader Zahl, meist drei, symbolisch für Buddha, Dharma und Sangha. Der aufsteigende Rauch gilt dabei als sichtbare Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und jener der Götter und Ahnen.
Indien wiederum kennt mit dhoop und agarbatti (Räucherstäbchen) eine der am weitesten verbreiteten Alltagsformen des Räucherns überhaupt — kaum ein hinduistischer Haushalt, in dem nicht täglich, meist am Morgen, im Rahmen der puja vor einem kleinen häuslichen Schrein Räucherstäbchen entzündet werden, oft begleitet von einer brennenden Ölflamme, der arti. Anders als beim japanischen kōdō ist dies keine kontemplative Einzelkunst, sondern eine niedrigschwellige, tägliche Praxis, die religiöse Hingabe in den unmittelbaren häuslichen Alltag einbettet.
Im tibetischen Buddhismus wiederum ist das sang-Opfer eine der sichtbarsten Alltagszeremonien überhaupt: Auf kleinen Steinaltären vor Häusern, Klöstern und an Bergpässen verbrennt man Mischungen aus Wacholder, Rhododendron und verschiedenen Kräutern, oft schon in den frühen Morgenstunden — der aufsteigende Rauch gilt als Opfergabe an Ortsgottheiten und Schutzgeister und ist im tibetischen Kulturraum so allgegenwärtig, dass er für viele Reisende zum eigentlichen Geruch des Himalaya wird, noch vor jedem Räucherstäbchen.
Agarholz selbst verbindet nahezu alle diese Traditionen als teuerstes und am meisten gehandeltes Räuchermaterial Asiens — Spitzenqualitäten aus wilden, natürlich infizierten Bäumen erzielen auf dem internationalen Markt Preise, die weit über denen von Gold pro Gramm liegen, was inzwischen zu erheblichem Druck auf wilde Aquilaria-Populationen und zu einem wachsenden, kontrovers diskutierten Anbau in Plantagen geführt hat.
Was diese so verschiedenen Traditionen — das japanische Hören von Duft, das chinesische Verbinden mit den Ahnen, die indische tägliche Hingabe — eint, ist eine Selbstverständlichkeit, mit der Duft in Asien seit Jahrtausenden als eigenständige, ernstzunehmende Sinnesform behandelt wird, nicht als Beiwerk zu anderen Künsten, sondern, im Fall von kōdō, ausdrücklich als eine von ihnen. Es war daher kein Zufall, dass Incense of Music 67 im Oktober 2025 mit genau diesem Material arbeitete: Agarholz, jenem Duft, der in Asien seit Jahrhunderten nicht nur gerochen, sondern gehört wird.
Damit schließt sich auch dieser kleine Streifzug durch die Räucherzeremonien der fünf Kontinente — fünf sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe uralte menschliche Geste: ein Feuer, ein Duft, ein Moment, der dadurch zu etwas Besonderem wird.
Journal — Musik & Düfte
Skriabin, die Düfte und seine Musik
Feldnotizen · 25. September 2025
Ein Komponist, der überzeugt war, C-Dur sei rot und Fis-Dur blauviolett, plante gegen Ende seines Lebens ein Werk, das mit Duft hätte arbeiten sollen — vollendet hat er es nie.

Alexander Skrjabin, 1914 — Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Alexander Skrjabin gehörte zu den bekanntesten Synästhetikern der Musikgeschichte: Für ihn besaß jede Tonart eine feste Farbe, C-Dur leuchtend rot, D-Dur gelb, Fis-Dur ein tiefes Blauviolett — eine Zuordnung, die er in seinem Orchesterwerk Prometheus: Poem des Feuers (1910) konkret umsetzte, mit einer eigens für das Stück ersonnenen Partiturzeile für ein ‘clavier à lumières’, ein Lichtklavier, das während der Aufführung farbiges Licht in den Konzertsaal projizieren sollte.
Ob Skrjabins Farbhören eine ‘echte’, neurologisch fundierte Synästhesie war oder eher ein selbst konstruiertes philosophisch-mystisches System, wird bis heute diskutiert — seine Farbzuordnungen stimmen nur teilweise mit denen anderer bekannter Synästhetiker überein, was gegen eine rein neurologische Erklärung spricht. Skrjabin selbst war ohnehin weniger an neurologischer Präzision interessiert als an einer umfassenden, theosophisch geprägten Kunstvision, in der Musik, Farbe, Bewegung und letztlich der gesamte Kosmos in eine einzige, alles verbindende Erfahrung verschmelzen sollten.
Genau in dieser Logik plante Skrjabin gegen Ende seines Lebens sein größtes, nie realisiertes Projekt: das Mysterium, ein tagelanges Gesamtkunstwerk aus Musik, Licht, Tanz, Architektur und — ausdrücklich — Duft, das in einem eigens dafür errichteten Tempel in Indien hätte stattfinden und, in Skrjabins eigener, hochtrabender Vorstellung, buchstäblich das Ende der bestehenden Welt und den Beginn einer neuen, höheren Bewusstseinsstufe einläuten sollen. Skrjabins plötzlicher Tod 1915, mit nur 43 Jahren, an einer Blutvergiftung, ließ von diesem Projekt nur Skizzen und ein kleineres Vorstück übrig, die Vorbereitende Handlung.
Musikalisch ruht Prometheus auf dem sogenannten ‘mystischen Akkord’, einer von Skrjabin entwickelten sechstönigen Klangstruktur aus übereinandergeschichteten Quarten, die an die Stelle klassischer Dur- und Molldreiklänge trat und dem Stück seine schwebende, tonal kaum verankerte Klangwelt verlieh — dieselbe Klangwelt, der im Lichtklavier-Part ein fortlaufend wechselndes Farbband zugeordnet war, synchronisiert mit den harmonischen Verschiebungen des Orchesters.
Wie genau Duft in diesem Mysterium hätte eingesetzt werden sollen, ist nicht überliefert — Skrjabins Notizen sprechen nur allgemein von ‘Wohlgerüchen’, die den Raum durchdringen sollten, ohne konkrete Rezepturen oder Materialien zu nennen. Es ist insofern eines der frühesten bekannten Beispiele eines Komponisten, der Duft nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als gleichberechtigten Bestandteil eines Gesamtkunstwerks mitdenken wollte — mehr als hundert Jahre bevor Konzerte, die Musik bewusst mit Räucherwerk verbinden, überhaupt denkbar wurden.
Nicht zufällig stand Skrjabin im September 2025 bei Incense of Music 66 ausdrücklich im Zeichen der Synästhesie auf dem Programm, neben Werken von Cage, Silvestrov und Ravel, begleitet vom klaren, belebenden Duft von Grapefruit-Räucherwerk — ein Kontrapunkt zu den impressionistischen Klangfarben Ravels und den mystischen Harmonien Skrjabins, der, ein Jahrhundert nach dessen Tod, genau jene Verbindung von Klang und Duft praktisch werden ließ, die Skrjabin selbst nur noch skizzieren konnte.
Journal — Zeremonien, Teil 4/5
Zeremonien mit Räuchern: Afrika
Feldnotizen · 15. September 2024
Der vierte Teil der Reihe führt an die Küste, von der aus seit fast fünftausend Jahren das wertvollste Harz der Alten Welt verschifft wird — und weiter, zu einem Ritual, das mit Duft nicht den Raum, sondern den Körper selbst reinigt.

Boswellia sacra, der Weihrauchbaum — Foto: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Kaum eine Ware hat eine Küste so geprägt wie der Weihrauch die des heutigen Somalia und Nordost-Äthiopiens. Boswellia sacra wächst dort auf kargen, fast vegetationslosen Kalksteinhängen, oft direkt aus dem Fels — ein genügsamer, sturer Baum, der ausgerechnet dort gedeiht, wo kaum etwas anderes wächst. Geerntet wird durch gezielte Einschnitte in die Rinde, aus denen ein milchiger Saft tritt, der an der Luft zu den bernsteinfarbenen ‘Tränen’ erhärtet, die man im Handel als Weihrauch kennt.
Der Handel mit diesem Harz reicht mindestens bis ins dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück: Ägyptische Expeditionen in das legendäre ‘Land Punt’ — vermutlich an der Küste des heutigen Somalia oder Eritrea gelegen — brachten Weihrauch, Myrrhe und sogar ganze Weihrauchbäume mit Wurzelballen zurück, wie Reliefs im Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari zeigen. Über Jahrtausende blieb die Region am Horn von Afrika, zusammen mit dem südarabischen Hadramaut auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs von Aden, praktisch konkurrenzlose Quelle für das Harz, das in Jerusalem, Rom und später in jeder katholischen Messe verbrannt wurde.
Heute konkurriert das somalische und äthiopische Weihrauch vor allem mit dem aus dem Oman stammenden Harz um den Ruf der höchsten Qualität — beide Regionen berufen sich auf Jahrtausende an Erfahrung, beide sehen sich mit denselben Problemen konfrontiert: Übernutzung, politische Instabilität in den Erntegebieten und eine wachsende globale Nachfrage, die traditionelle, oft nomadisch organisierte Erntegemeinschaften unter Druck setzt. Studien der letzten Jahre warnen, dass einige Boswellia-Bestände bei unverändertem Erntedruck binnen weniger Jahrzehnte erheblich zurückgehen könnten.
Weiter südlich, im heutigen Sudan, existiert eine gänzlich andere, körperbezogene Räuchertradition: der dukhan, das ‘Rauchbad’. Bei dieser vor allem mit Hochzeiten verbundenen Praxis hockt sich die Braut — traditionell tagelang vorbereitet mit Ölen, Peelings und Duftstoffen — über eine Grube mit glühenden Kohlen, auf die aromatisches Sandelholz, manchmal mit Harzen und Gewürzen vermischt, gestreut wird, eingehüllt in ein Tuch, das den Rauch am Körper hält. Der Rauch durchdringt Haut und Haar so tief, dass der Duft tagelang anhält — ein Ritual, das eng mit Reinheit, Übergang und weiblicher Identität verknüpft ist und in leicht abgewandelter Form auch außerhalb von Hochzeiten praktiziert wird.
In Äthiopien wiederum ist Räucherwerk untrennbar mit der Kaffeezeremonie verbunden: Bevor der frisch geröstete Kaffee aufgebrüht wird, verbrennt man häufig Weihrauch oder ein anderes Harz auf einem kleinen Kohlebecken direkt neben der jebena, der traditionellen Tonkanne — der Rauch gilt als Willkommensgeste an die Gäste und als fester Bestandteil eines Rituals, das oft eine ganze Stunde dauert und weit mehr gesellschaftliche als kulinarische Funktion hat.
Im südlichen Afrika wiederum, bei den Sangoma genannten traditionellen Heilern und Wahrsagern in Südafrika, Simbabwe und den Nachbarländern, dient das Verbrennen von Imphepho (Helichrysum-Arten, verwandt mit dem europäischen Currykraut) dazu, die Ahnen — amadlozi — zu einer Zeremonie einzuladen: Der charakteristische, an Curry und trockenes Heu erinnernde Rauch gilt als Brücke zwischen Lebenden und Verstorbenen, ohne die kaum eine Sangoma-Sitzung beginnt.
Was diese so unterschiedlichen Praktiken eint, ist die enge Verwobenheit von Duft mit Übergängen: der Übergang von roher Ernte zu heiligem Material im Fall des Weihrauchhandels, von Mädchen zu Ehefrau im dukhan, von Fremden zu Gästen bei der äthiopischen Kaffeezeremonie, von Lebenden zu Ahnen bei den Sangoma. Afrikanische Räucherpraxis, so unterschiedlich sie von Region zu Region ausfällt, markiert fast durchgehend einen Schwellenmoment — nicht den Alltag selbst, sondern den Moment, in dem sich etwas ändert.
Journal — Mythologie
Lorbeer und die Nymphe Daphne
Feldnotizen · 14. Juli 2023
Ein Scherz, der schiefgeht, eine Flucht, eine Verwandlung — und ein griechisches Wort, das gleichzeitig ein Baum und eine Nymphe ist.

Gian Lorenzo Bernini, Apollo und Daphne (1622–1625), Galleria Borghese, Rom — Foto: CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Bei Ovid beginnt der Mythos als Scherz, der schiefgeht. Apollo, frisch triumphierend nach der Tötung der Schlange Python, verspottet Amor dafür, mit einem Bogen zu spielen, der zu schwer für ein Kind sei; Amor antwortet, indem er zwei Pfeile abschießt – einen goldenen in Apollo, der ihn hilflos verliebt macht, und einen stumpfen bleiernen in die Nymphe Daphne, der sie jede Liebe verabscheuen lässt. Apollo verfolgt sie; Daphne rennt, und rennt weiter, bis ihre Kraft am Ufer des Flusses ihres Vaters versagt.
Was sie in diesem letzten Moment erbittet, ist keine Rettung, sondern eine Verwandlung – in etwas, das Apollo nicht auf dieselbe Weise begehren kann. Ihr Vater, der Flussgott Peneus, gewährt es: Ihre Füße wurzeln im Boden, Rinde schließt sich über ihrer Haut, ihr Haar wird zu Laub, ihre Arme zu Zweigen. Sie wird zum Lorbeer, und im Griechischen ist ihr eigener Name, daphne, schlicht das Wort für den Baum, in den sie sich verwandelt – der Mythos also zugleich eine Erklärung dafür, warum die Pflanze so heißt, wie sie heißt.
Apollo, der sie auf keine andere Weise haben kann, erklärt den Lorbeer für immer zu seinem eigenen: Kränze daraus krönten die Sieger der Pythischen Spiele, ausgetragen in seinem eigenen Heiligtum in Delphi, und später wurden sie um die Köpfe von Dichtern und heimkehrenden römischen Feldherren im Triumphzug gewunden – eine Ehre, „Poeta laureatus“ unter ihren Nachkommen, die bis heute, leise, ihren Namen trägt, ob sich noch jemand an die Verfolgungsjagd erinnert, die sie hervorbrachte, oder nicht.
Journal — Pflanzen
Sandelholz und die Langsamkeit des Duftes
Feldnotizen · Juni 2023
Zwanzig Jahre lang gibt ein Sandelholzbaum fast nichts von seinem Duft preis. Was er schließlich hergibt, wird seit dreitausend Jahren geschätzt — und übernutzt.

Santalum album, aus Köhlers Medizinal-Pflanzen (1887) — gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Santalum album, das indische Sandelholz, ist ein kleiner Baum — selten höher als neun Meter —, beheimatet in Indonesien, auf den Philippinen und in Westaustralien. Vor mehr als dreitausend Jahren von austronesischen Händlern über den Indischen Ozean gebracht, fasste er in Südindien Fuß und wurde mit dem Subkontinent so eng verbunden, dass die meisten ihn heute für dort heimisch halten.
Nur das Kernholz trägt den Duft, und es lässt sich Zeit: Das Öl — zu fast 90 Prozent Santalol, die Verbindung, die für den warmen, milchigen Duft des Sandelholzes verantwortlich ist — entwickelt sich erst nach etwa zehn Jahren und erreicht seine volle Stärke erst nach zwanzig Wuchsjahren. Ein zu früh gefällter Baum liefert Holz, das kaum etwas davon enthält.
Im hinduistischen und buddhistischen Ritual haben Sandelholzpaste und -rauch seit Jahrtausenden Tempel, Kremationen und tägliche Andacht begleitet; in der Parfümerie bildet sein Öl die Basis für Düfte von Räucherwerk bis Eau de Parfum. Diese Kombination aus langsamem Wachstum und anhaltender Nachfrage hat ihren Preis gefordert: Die indische Sandelholzproduktion fiel von rund viertausend Tonnen jährlich in den frühen 1970ern auf unter dreihundert im Jahr 2011, und die Art gilt inzwischen als gefährdet.
Indien reagierte mit jahrzehntelangen strengen Export- und Erntekontrollen — ein Grund, warum ein Großteil des heutigen Sandelholz-Räucherwerks aus Plantagen stammt statt aus Wildbeständen. Was in wenigen Sekunden verglüht, brauchte mindestens zwanzig Jahre, um zu dem zu werden, was es ist.
Journal — Materialien
Kopal und Bernstein: eine Gegenüberstellung
Feldnotizen · 9. Februar 2022
Derselbe Rohstoff, zwei völlig verschiedene Zeitskalen — und ein einfacher Acetontest, der zeigt, welches Harz seine Verwandlung schon abgeschlossen hat.

Trommelpolierter Ostsee-Bernstein — Foto: W.carter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Bernstein und Kopal werden oft verwechselt, und die Verwechslung ist nicht ganz unschuldig – Kopal wird verkauft als Bernstein, seit beide geschätzt werden, denn frisch poliert können sie auf den ersten Blick fast identisch aussehen. Der ehrliche Unterschied zwischen beiden ist vor allem eine Frage der Zeit: Kopal ist Baumharz auf dem Weg zu Bernstein, noch nicht fertig, irgendwo zwischen ein paar Jahrhunderten und ein paar hunderttausend Jahren alt; echter Bernstein, besonders Ostsee-Bernstein, hatte zig Millionen Jahre Zeit, einen chemischen Prozess abzuschließen, den Kopal kaum begonnen hat.
Dieser unvollständige Prozess ist auch der Grund, warum man beide ohne Labor unterscheiden kann. Bernstein ist vollständig polymerisiert – seine Molekülketten haben die Quervernetzung längst abgeschlossen, zu etwas chemisch Stabilem und weitgehend Reaktionsträgem. Kopal hat diesen Prozess nicht abgeschlossen, was bedeutet, dass ein Tropfen Aceton oder auch festes Reiben mit einem alkoholgetränkten Tuch die Oberfläche anlöst oder erweicht und leicht klebrig zurücklässt; derselbe Test bewirkt bei echtem Bernstein praktisch nichts. Es ist der Standardtest, den Juweliere bis heute im Feld anwenden – und der Standardtrick, der es Kopal so lange erlaubt hat, als „junger Bernstein“ durchzugehen.
Die beiden Materialien tragen auch kulturell unterschiedliches Gewicht. Bernsteins Geschichte verläuft vor allem durch Europa – die Bernsteinstraße, Ostseehandel, römische Sammler. Kopals Geschichte verläuft vor allem durch Mesoamerika, wo das Nahuatl-Wort copalli schlicht Räucherwerk im Allgemeinen bedeutete, und wo Maya und Azteken es in gewaltigen Mengen als zentralen Bestandteil religiöser Rituale verbrannten, lange bevor eine der beiden Kulturen je Kontakt zur Ostseeküste oder ihrem viel älteren Harz hatte.
Journal — Zeremonien, Teil 3/5
Zeremonien mit Räuchern: Nordamerika
Feldnotizen · 10. Dezember 2021
Der dritte Teil der Reihe widmet sich einer Praxis, die zugleich zu den bekanntesten und zu den am häufigsten missverstandenen der Welt zählt: dem Smudging der amerikanischen Ureinwohner.

Weißer Salbei (Salvia apiana) im Joshua Tree National Park — Foto: Joshua Tree National Park, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Kaum ein Räucherritual ist außerhalb seines Ursprungskontexts so populär geworden wie das ‘Smudging’ mit Weißem Salbei (Salvia apiana), einer Pflanze, die ausschließlich in den trockenen Küstenregionen Südkaliforniens und Baja Californias wächst. In zahlreichen indigenen Traditionen Nordamerikas — unter anderem bei den Chumash, den Lakota und vielen kalifornischen Völkern, wenn auch keineswegs bei allen in gleicher Form — dient das Verbrennen von Salbei dazu, einen Menschen, einen Raum oder einen Gegenstand von negativer Energie zu befreien, oft eingebettet in Gebete, Gesänge oder größere zeremonielle Zusammenhänge.
Neben Salbei spielt Süßgras (Hierochloe odorata) eine zentrale Rolle, meist zu langen Zöpfen geflochten und häufig erst nach dem Salbei verbrannt — sinnbildlich dafür, dass zunächst das Negative vertrieben und erst danach das Positive, Süße eingeladen wird. Zeder wiederum, besonders bei den Anishinaabe und vielen Plains-Völkern, gilt als Schutzpflanze, die oft in Verbindung mit Trommelzeremonien oder dem Betreten heiliger Räume verbrannt wird. Diese drei Pflanzen bilden zusammen mit Tabak die sogenannten ‘vier heiligen Pflanzen’, wie sie in vielen, wenn auch nicht allen, Traditionen Nordamerikas verstanden werden.
Entscheidend ist dabei: Es gibt kein einheitliches ‘indigenes Räucherritual’. Die über fünfhundert heute staatlich anerkannten Stämme allein in den USA — von den Küstenvölkern Kaliforniens bis zu den Haudenosaunee im Nordosten — pflegen eigenständige, oft sehr unterschiedliche spirituelle Praktiken, die zudem meist nicht isoliert für sich stehen, sondern in größere zeremonielle, gemeinschaftliche und häufig auch heilkundliche Zusammenhänge eingebettet sind, die einem außenstehenden Blick oft verborgen bleiben.
Die globale Popularität von ‘Smudging’ — heute in unzähligen Wellness-Kontexten, Yogastudios und Esoterikläden weltweit anzutreffen, meist losgelöst von jedem religiösen oder kulturellen Rahmen — hat in den letzten Jahren zu einer wachsenden, differenzierten Debatte geführt. Kritisiert wird dabei selten die Praxis des Räucherns an sich, die in nahezu jeder Kultur der Welt eine eigene Form gefunden hat, sondern zweierlei ganz Konkretes: die Verwendung spezifischer, geschützter Begriffe und heiliger Gegenstände außerhalb ihres rituellen Kontexts, sowie eine kommerzielle Übernutzung von Salvia apiana, die in ihrem begrenzten natürlichen Verbreitungsgebiet inzwischen sichtbar zurückgeht.
Botanisch betrachtet ist Weißer Salbei kein Kulturpflanze im engeren Sinn — er wächst wild, langsam, an schwer zugänglichen Hängen, und lässt sich kaum in großem Maßstab nachhaltig anbauen. Der internationale Boom hat ausgerechnet jene Pflanze unter Druck gesetzt, die in ihrer ursprünglichen Verwendung stets in kleinen, bedachten Mengen geerntet wurde.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein Projekt wie Incense of Music 52, das im November 2021 explizit mit Weißem Salbei arbeitete, als eine besondere Verantwortung eher denn als bloße Materialwahl: Ein Räucherstoff mit einer derart spezifischen kulturellen Geschichte lässt sich schwer als reines Aroma behandeln, losgelöst von der Frage, wo er herkommt und wer ihn zuerst als heilig verstanden hat.
Bemerkenswert ist zudem, dass Räucherpraktiken wie diese in den USA lange keineswegs selbstverständlich rechtlich geschützt waren: Erst der American Indian Religious Freedom Act von 1978 stellte klar, dass traditionelle spirituelle Praktiken — einschließlich des Zugangs zu heiligen Orten und Materialien — verfassungsrechtlichen Schutz genießen, nachdem sie über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhunderts durch staatliche Assimilationspolitik aktiv unterdrückt worden waren, etwa in den sogenannten Internatsschulen, in denen religiöse Zeremonien der Ureinwohner über Jahrzehnte verboten blieben.
Andere nordamerikanische Traditionen bleiben international weit weniger bekannt, obwohl sie ebenso alt sind — das Verbrennen von Kopal-ähnlichen Harzen bei mesoamerikanisch geprägten Gemeinschaften im Südwesten der heutigen USA etwa, oder die spezifischen Tabakzeremonien der Haudenosaunee, bei denen Tabak nicht geraucht, sondern verbrannt wird, um Gebete buchstäblich ‘aufsteigen’ zu lassen. Sie erinnern daran, dass ‘nordamerikanische Räucherzeremonie’ ein Sammelbegriff für eine Vielfalt ist, die sich kaum auf ein einzelnes Bild — Salbeirauch über einer Abalone-Muschel — reduzieren lässt, so verbreitet dieses Bild inzwischen auch geworden ist.
Journal — Musik & Düfte
Debussy, Klaviermusik — welche Pflanze wäre da denkbar?
Feldnotizen · 5. Juli 2021
Ein einziger Nachmittag auf der Pariser Weltausstellung 1889 genügte, um Debussys Musik für immer zu verändern — und liefert, mehr als hundert Jahre später, eine überraschend präzise Antwort auf die Frage nach dem passenden Duft.

Magnolia champaca, die Champaca-Blüte — Foto: Vinayaraj, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Im Sommer 1889 besuchte der siebenundzwanzigjährige Claude Debussy mehrfach den javanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung, wo ein Gamelan-Orchester aus dem damaligen Niederländisch-Ostindien auftrat — Metallophone, Gongs, ineinander verschlungene, sich überlagernde Rhythmen, eine Klangwelt, die mit der europäischen Kunstmusik seiner Zeit kaum etwas gemein hatte. Debussy selbst notierte später, das javanische Kontrapunkt-Verständnis mache ‘das von Palestrina wie Kinderspiel’ erscheinen. Diese Begegnung ließ ihn nicht mehr los.
Ihre Spuren finden sich unüberhörbar in Pagodes, dem ersten Stück seiner Klaviersammlung Estampes von 1903: Pentatonische Skalen, schwebende, unaufgelöste Klänge, übereinandergeschichtete Klangschichten ohne die gewohnte harmonische Zielstrebigkeit westlicher Musik — eine bewusste Annäherung an das javanische Klangideal, ohne es zu kopieren. Ähnliche Klangwelten durchziehen später La Mer und weite Teile der Images, jener typisch debussy’schen Schwebezustand zwischen Klarheit und Auflösung, zwischen einem klar erkennbaren Bild und seinem Verschwimmen.
Wollte man dieser Musik eine Pflanze zur Seite stellen, drängt sich ausgerechnet jene Blüte auf, die in der javanischen Kultur selbst eine zentrale Rolle spielt: die Champaca-Blüte, Magnolia champaca, cremeweiß bis orangegelb, mit einem schweren, honigsüßen, leicht fruchtigen Duft, der in ganz Süd- und Südostasien seit Jahrhunderten für Tempelopfer, für parfümiertes Haaröl und für rituelle Girlanden verwendet wird — in Java selbst gehört sie zu den am häufigsten an heiligen Orten gepflanzten Bäumen.
Bezeichnend ist dabei, dass Debussy Java nie besucht hat — Estampes, jene Sammlung von drei Klavierstücken, denen Pagodes voransteht, ist insgesamt eine Sammlung imaginierter Orte: Auf das javanische Klangbild folgt La soirée dans Grenade, ein spanisch grundiertes Stück von einem Komponisten, der zum Zeitpunkt der Komposition ebenfalls noch nie in Spanien gewesen war, bevor mit Jardins sous la pluie ein vertraut französischer Garten im Regen den Zyklus beschließt. Debussy komponierte ‘Elsewhere’ also weitgehend aus zweiter Hand, aus Klängen, Bildern und Erzählungen, nicht aus eigener Reiseerfahrung — eine Arbeitsweise, die der Parfümerie sehr vertraut ist, wo ebenfalls die wenigsten Kompositionen mit dem Namen ‘Oud’ oder ‘Safran’ von Parfümeuren stammen, die je an ihrem geographischen Ursprungsort waren.
Die Parallele liegt nicht nur in der geographischen Herkunft. Champaca-Duft gilt in der Parfümerie als ‘schwer flüchtig’ — er entfaltet sich langsam, bleibt lange in der Luft hängen, ohne sich in klar unterscheidbare Phasen zu gliedern, ähnlich der Art, wie Debussys Harmonien selten klar von Dur zu Moll, von Spannung zu Auflösung fortschreiten, sondern in einem schwebenden Dazwischen verharren. Beides — Duft wie Musik — widersetzt sich der linearen, zielgerichteten Struktur, die westliche Ohren und westliche Nasen oft erwarten.
Nicht ganz zufällig stand Debussy im Programm von Incense of Music 51 im Juni 2021, als Yannick Rafalimanana anlässlich der allerersten digitalen Zusammenarbeit des Projekts Klavierwerke des Komponisten auf einem historischen Bechstein-Flügel von 1896 spielte — jenem Instrumententyp, auf dem Debussy selbst noch komponierte. Ein Zufall der Programmwahl, gewiss, aber einer, der zeigt, wie beharrlich sich bestimmte Verbindungen zwischen Klang und Duft von selbst wieder einstellen, sobald man beginnt, danach zu suchen.
Am Ende bleibt die Frage, welche Pflanze zu Debussy ‘passt’, natürlich spekulativ — Musik lässt sich nicht in Duft übersetzen wie ein Text in eine andere Sprache. Doch selten liegt die Antwort so nah wie hier: eine Blüte aus genau jener Klangwelt, die einen jungen Pariser Komponisten an einem Sommernachmittag 1889 für immer verändert hat.
Journal — Materialien
Labdanum und die Ziegen
Feldnotizen · 27. März 2021
Jahrtausendelang wurde ein Harz aus Ziegenbärten gekämmt, bevor jemand auf die Idee kam, die Sträucher einfach direkt abzukämmen.

Cistus (Zistrose) — Foto, gemeinfrei (CC0), via Wikimedia Commons
Den größten Teil seiner Geschichte über wurde Labdanum von Ziegen geerntet, ohne dass diese gefragt wurden. Die Zistrosensträucher, von denen es stammt, sondern in der Tageshitze ein dunkles, klebriges Harz aus ihren Blättern ab, und Ziegen und Schafe, die dazwischen weideten, trugen es anschließend fest verklebt in Bart und Beinhaaren davon. Jemand hatte dann die Aufgabe, es herauszukämmen – genau das geschah historisch tatsächlich, bevor jemand auf die Idee kam, die Sträucher einfach direkt abzukämmen.
Das Werkzeug für diese zweite Methode, ein Rechen namens Lambadistrion, hatte statt Zinken eine doppelte Reihe Lederriemen, gedacht, um das Harz direkt von der Pflanze zu greifen und abzuziehen, ganz ohne den Umweg über eine Ziege – eine kretische Version aus Holz aus dem 19. Jahrhundert hieß Ergastiri.
Labdanum taucht auch in der hebräischen Bibel auf, wenn auch nicht immer erkennbar: Das Gewürz, das die ismaelitischen Händler in Genesis neben Balsam nach Ägypten bringen, heißt im Original lot – fast sicher Labdanum, obwohl ältere deutsche und englische Übersetzungen es verwirrenderweise mit „Myrrhe“ wiedergeben. Bei Incense of Music 12 räucherten wir es neben Lavendel, warm und leicht animalisch, wo der Lavendel klar und beruhigend war – eine Kombination, die, wie sich zeigt, einiges ein paar Jahrtausenden Ziegen verdankt.
Journal — Pflanzen
Palo Santo, das heilige Holz
Feldnotizen · November 2020
Sein Name bedeutet „heiliger Stock“. In den trockenen Wäldern Perus und Ecuadors wird ein gefallener Ast von Palo Santo, einmal entzündet, zum Werkzeug der Reinigung.

Bursera graveolens — Foto: David Stang, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Palo Santo ist das Holz von Bursera graveolens, einem Baum, der in den saisonal trockenen tropischen Wäldern von Mexiko und Zentralamerika über Kolumbien, Ecuador und Peru bis zu den Galápagos-Inseln beheimatet ist. Er gehört zur Familie der Burseraceae — derselben harzreichen Pflanzenfamilie wie Weihrauch und Myrrhe, ein entfernter Verwandter, auf der anderen Seite der Welt, jener Bäume, die entlang der Weihrauchstraße verbrannt wurden.
In Peru, wo ein Großteil des heutigen Palo Santo geerntet wird, erlaubt das Gesetz nur das Sammeln von Holz bereits gefallener oder auf natürliche Weise abgestorbener Bäume — niemals das Fällen lebender. Erst nach mehrjähriger Lagerung entwickelt das Kernholz den terpenreichen Duft, für den es geschätzt wird; frisch geschlagenes Holz hat davon kaum etwas.
Indigene Gemeinschaften in den Anden und im Amazonasgebiet verbrennen Palo Santo seit langem in Reinigungsritualen, um einen Raum — einen physischen oder einen anderen — von dem zu befreien, was dort nicht mehr hingehört. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Geste weit von ihrem Ursprung entfernt, in Yogastudios und Wohnzimmer weltweit, mitunter losgelöst von dem Kontext, der ihr Bedeutung gab.
Die IUCN führt Bursera graveolens als nicht gefährdet, dennoch kommt es in Teilen Perus trotz der Vorschriften weiterhin zu illegalem Holzeinschlag. Ein Stück Palo Santo trägt somit zwei Geschichten zugleich: eine langsame Chemie aus Harz und Zeit, und eine aktuelle Frage danach, wer ein heiliges Holz ernten darf, und wie.
Journal — Geschichte
Wer war Pedanios Dioskurides?
Feldnotizen · 12. September 2020
Ein römischer Militärarzt aus Kilikien schrieb ein Buch, das anderthalb Jahrtausende lang als Standardwerk der Pharmakologie galt — nie wiederentdeckt, weil es nie verschwand.

Wiener Dioskurides (Codex Vindobonensis Med. Gr. 1), entstanden um 512 n. Chr., gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Fast alles, was über Pedanios Dioskurides bekannt ist, stammt aus seinem eigenen Buch, da keine andere antike Quelle sich die Mühe macht, den Mann selbst zu beschreiben. Geboren wurde er vermutlich um 40 n. Chr. in Anazarbos, einer Stadt in Kilikien im heutigen Südosten der Türkei, wahrscheinlich im nahegelegenen Tarsos in Medizin ausgebildet, und später beschreibt er sein eigenes Leben als das eines Soldaten – sehr wahrscheinlich als Arzt im Gefolge des römischen Heeres, eine Position, die ihn, und seine fachliche Neugier, über weite Teile des östlichen Mittelmeerraums führte.
Diese Beweglichkeit zeigt sich im Buch. Verfasst auf Griechisch irgendwann zwischen 50 und 70 n. Chr. unter dem Titel Perì hýlēs iatrikḗs – Über medizinisches Material, der Nachwelt unter dem lateinischen Titel De Materia Medica bekannt – katalogisiert es rund sechshundert Pflanzen sowie diverse Mineralien und tierische Stoffe, beschreibt jeweils Aussehen, Fundort und, ausführlich, wogegen die Substanz hilft. Dioskurides ordnete das Ganze nicht alphabetisch, was beim Zusammenstellen einfacher gewesen wäre, sondern nach therapeutischer Verwandtschaft – aromatische, wärmende Stoffe nahe beieinander gruppiert, eine Anordnung, erkennbar gebaut für einen praktizierenden Arzt, der zur nächstbesten Option greift, nicht für jemanden, der einen Namen nachschlägt.
Das Nachleben des Buches ist der bemerkenswertere Teil. Es blieb über anderthalb Jahrtausende ununterbrochen in Gebrauch, ohne je „wiederentdeckt“ werden zu müssen – auf Griechisch immer wieder abgeschrieben, ins Lateinische übersetzt, dann ins Arabische, wo es die mittelalterliche islamische Pharmakologie ebenso gründlich prägte wie zuvor die byzantinische Medizin, und in der Renaissance erneut ins Lateinische zurückübersetzt. Die berühmteste erhaltene Abschrift, entstanden um 512 n. Chr. für die byzantinische Adlige Juliana Anicia und heute als Wiener Dioskurides bekannt, bildet Pflanze für Pflanze in sorgfältiger, lebensgroßer Farbe ab – eine der frühesten botanischen Illustrationen, die aus der Antike überhaupt erhalten sind.
Für ein Projekt wie dieses, mit seinem Hang zu Räucherwerk und Materia medica, ist Dioskurides fast so etwas wie eine Schutzfigur: jemand, der Myrrhe, Weihrauch, Labdanum, Narde und Dutzende anderer Aromata, zu denen dieses Journal immer wieder zurückkehrt, nicht als Kuriositäten katalogisierte, sondern als Arbeitsmittel – in einem Buch, das, in der einen oder anderen Form, noch rund zweitausend Jahre nach seiner Niederschrift konsultiert wird.
Journal — Geschichte
Kleine Geschichte des Parfums
Feldnotizen · 2. Februar 2020
Bevor Parfum etwas war, das man trug, war es etwas, das man verbrannte — das Wort selbst trägt diese Herkunft noch in sich.

Alabastron für Salböl, frühe Ptolemäerzeit, Ägypten — Cleveland Museum of Art, CC0
‘Parfum’ geht auf das lateinische per fumum zurück, ‘durch den Rauch’ — ein Hinweis darauf, dass die frühesten Duftpraktiken der Menschheit nicht mit Flüssigkeiten in Flakons begannen, sondern mit brennenden Harzen auf glühenden Kohlen. In Mesopotamien und Ägypten war Duft über Jahrtausende in erster Linie eine Sache der Tempel und der Götter, nicht der Körperpflege.
Erst allmählich wanderte der Duft vom Altar zum Körper. Ägyptische Salbenrezepte wie das berühmte Kyphi — eine komplexe Mischung aus Wein, Honig, Rosinen und einem guten Dutzend Harzen und Kräutern, tagelang mazeriert — dienten sowohl rituellen als auch kosmetischen Zwecken; die Alabastra und Salbgefäße, wie das hier abgebildete Stück aus der frühen Ptolemäerzeit, belegen, wie selbstverständlich parfümierte Öle längst zum Alltag wohlhabender Ägypterinnen und Ägypter gehörten, lange bevor Griechenland oder Rom eigene Parfümtraditionen entwickelten.
Die islamische Welt des Mittelalters brachte die entscheidende technische Wende: Der persische Gelehrte Ibn Sina (Avicenna) verfeinerte im 10. und 11. Jahrhundert die Destillation mit dem Alambic so weit, dass sich erstmals reine Blütenessenzen wie Rosenwasser in großem Maßstab gewinnen ließen — eine Technik, die über al-Andalus schließlich zurück nach Europa fand. Bis dahin kannte man im Westen vor allem ölbasierte, schwere Duftstoffe; die Destillation machte flüchtigere, hellere Kompositionen erst möglich.
Im 17. und 18. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum der europäischen Parfümerie zunehmend nach Grasse in Südfrankreich, wo Gerber begannen, ihre Lederhandschuhe zu parfümieren, um den beißenden Gerbgeruch zu überdecken — die ‘Gantiers Parfumeurs’ wurden zur eigenen Zunft, aus der die moderne Parfümindustrie hervorging. Der Sprung vom Tempelrauch zum Ballsaal-Flakon hatte damit, über mehr als dreitausend Jahre verteilt, seinen vorläufigen Endpunkt erreicht — nur um im 19. Jahrhundert, mit den ersten synthetischen Duftstoffen, gleich die nächste Revolution zu erleben.
Diese Revolution begann 1889 mit Guerlains Jicky, gemeinhin als erstes modernes Parfum bezeichnet, weil es erstmals gezielt synthetische Moleküle — künstliches Vanillin und Cumarin — neben natürlichen Rohstoffen einsetzte, nicht um sie zu ersetzen, sondern um Duftfacetten zu erzeugen, die kein rein natürliches Material bis dahin geliefert hatte. Chanel Nr. 5 trieb dieses Prinzip 1921 mit einer auffälligen Dosis synthetischer Aldehyde weiter und schuf einen Duft, der bewusst nicht mehr wie eine einzelne Blume riechen sollte, sondern wie eine komponierte Abstraktion — ein endgültiger Bruch mit der jahrtausendealten Vorstellung, ein Parfum solle in erster Linie die Natur nachahmen.
Journal — Literatur
Duft und Literatur
Feldnotizen · 8. Januar 2020
Der am schwersten zu beschreibende Sinn hat, aller Schwierigkeit zum Trotz, einige der eigenwilligsten Seiten der Weltliteratur hervorgebracht.

Charles Baudelaire, um 1862 — Foto: Étienne Carjat, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Lange vor Baudelaire war Duft bereits zentrales Bildmaterial biblischer Liebesdichtung: Das Hohelied Salomos, vermutlich im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung entstanden, beschreibt die Geliebte in einer Fülle von Duftmetaphern — Myrrhe, Narde, Henna, ‘ein versiegelter Garten’ voller Gewürze —, in denen Duft nicht schmückendes Beiwerk, sondern direktes Sinnbild für Begehren selbst ist. Diese enge Verknüpfung von Duft und erotischer Sprache zieht sich, oft unbemerkt, durch weite Teile der Weltliteratur bis zu Baudelaire und darüber hinaus.
Kein Dichter hat den Duft so systematisch ins Zentrum seiner Poetik gerückt wie Charles Baudelaire. Sein programmatisches Sonett Correspondances, 1857 in Les Fleurs du mal veröffentlicht, entwirft die Natur als einen ‘Tempel’, dessen lebendige Säulen ‘verworrene Worte’ hervorbringen, während ‘Düfte, Farben und Töne einander antworten’ — eine der frühesten und einflussreichsten literarischen Formulierungen jener synästhetischen Verwandtschaft zwischen den Sinnen, die spätere Symbolisten wie Rimbaud und Mallarmé direkt aufgriffen.
Baudelaire blieb dabei nicht bei der Theorie. In La Chevelure feiert er das Haar einer Geliebten als Reisemittel — ‘ich atme lange den Duft deines Haares’, schreibt er, und lässt sich von diesem Duft nach Afrika, in ferne Häfen, in ganze imaginierte Welten tragen; in Le Flacon beschreibt er, wie ein alter, halb leerer Parfumflakon, geöffnet nach Jahren, eine ‘trunkene Seele’ und eine ganze verlorene Vergangenheit freisetzt — eine Vorwegnahme von Prousts Madeleine, mehr als sechzig Jahre bevor Proust seinen Roman veröffentlichte.
Wo Baudelaire den Duft feiert, treibt Joris-Karl Huysmans ihn in seinem 1884 erschienenen Roman À rebours (Gegen den Strich) bis zur Erschöpfung: Sein Protagonist Des Esseintes, ein dekadenter Ästhet, der sich völlig von der Gesellschaft zurückgezogen hat, experimentiert in einem eigenen Laboratorium mit Parfummischungen, komponiert ‘Duftsymphonien’ und ordnet Rohstoffe nach ihrer vermeintlichen musikalischen Entsprechung — eine fiktionale Figur, die genau jene Duft-Klang-Analogie, die Septimus Piesse wenige Jahrzehnte zuvor als Fachbegriff geprägt hatte, bis zur Karikatur einer ganzen Lebensform steigert.
Ein Jahrhundert später gelang Patrick Süskind mit Das Parfum (1985) das seltene Kunststück, einen ganzen Roman um den Geruchssinn selbst zu bauen: Sein Protagonist Grenouille, geruchlos geboren, aber mit einem übermenschlichen Riechvermögen ausgestattet, wird zum mordenden Parfumeur, der den ‘perfekten’ Duft eines Menschen zu destillieren sucht. Süskinds größte Leistung liegt weniger in der Handlung als in der Sprache selbst: Er beschreibt Gerüche mit einer Präzision und Fülle an Vokabular, die zeigt, wie viel literarisches Potenzial in einem Sinn steckt, den die Sprache sonst notorisch schlecht bedient.
Diese Beispiele — Baudelaire, Huysmans, Proust, Süskind — trennen mehr als hundert Jahre, doch sie teilen eine gemeinsame Beobachtung: Duft entzieht sich der direkten Beschreibung fast immer, lässt sich fast nur über Umwege einfangen — über Erinnerung, über Vergleich, über eine ganze erzählte Geschichte, die um ihn herum aufgebaut wird. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Duft in der Literatur, anders als in der bildenden Kunst oder Musik, nie direkt dargestellt, sondern immer nur erzählt werden kann — und warum genau diese Umständlichkeit so viele der eigenwilligsten Seiten der Weltliteratur hervorgebracht hat.
Ein Räucherkonzert wie Incense of Music steht, ohne es zu benennen, in genau dieser Tradition: Es versucht, mit anderen Mitteln zu tun, wofür Baudelaire ein ganzes Sonett und Süskind einen ganzen Roman brauchten — den flüchtigsten aller Sinne für einen Moment greifbar zu machen.
Journal — Quellen
Gold, Weihrauch und Myrrhe: Die Gaben der Heiligen Drei Könige
Feldnotizen · 6. Januar 2020
König, Gott, Sterblicher — wie eine Deutung aus dem 3. Jahrhundert drei Handelsgüter der Arabischen Halbinsel zu Theologie machte.

Matthias Stom, Die Anbetung der Könige (um 1635–1639), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Das Matthäusevangelium nennt nur die Gaben, nicht die Zahl der Geber – „Gold, Weihrauch und Myrrhe“ ist alles, was der Text sagt, und die Überlieferung von genau drei Weisen ist eine spätere Schlussfolgerung, eine Gabe pro Besucher, die sich durchgesetzt hat. Was sich dagegen früh und fest etablierte, war eine Lesart der drei Gaben als verschlüsselte Beschreibung dessen, wer das Kind war.
Die klarste frühe Formulierung stammt von Origenes, dem Theologen des 3. Jahrhunderts, der in Alexandria und Caesarea wirkte: Gold, weil das Kind ein König sei; Weihrauch, weil es Gott sei, geeignet für den Tempeldienst; Myrrhe, weil es sterblich sei, das Harz, das zur Vorbereitung von Leichnamen für die Bestattung diente. Diese Deutung wurde seither, nur leicht variiert, in christlicher Auslegung und in Liedern immer wieder aufgegriffen – am eindrücklichsten vielleicht in dem englischen Weihnachtslied aus dem 19. Jahrhundert, das der Myrrhe die Zeile gibt, sie „atme ein Leben aufziehenden Dunkels … versiegelt im steinkalten Grab“ – ein vorausgesagter Tod, eingefaltet in eine Geburtsgeschichte.
Auch die Wahl der Materialien war in anderer Hinsicht nicht beliebig: Sowohl Weihrauch als auch Myrrhe stammten aus demselben schmalen Gürtel von Commiphora- und Boswellia-Bäumen im südlichen Arabien und am Horn von Afrika und reisten über dieselben Weihrauchstraßen nach Norden – genau die Verbindung, die es mittelalterlichen und Renaissance-Malern erlaubte, die Heimat der Weisen vage „im Osten“ zu verorten, ohne genauer werden zu müssen. Zwei der drei Gaben waren, mit anderen Worten, schlicht die wertvollsten Handelswaren, die die Arabische Halbinsel zu bieten hatte, durch die Gesellschaft des Goldes zur Theologie erhoben.
Bei Incense of Music 8 räucherten wir Weihrauch gemeinsam mit Wacholder und Elemi – eine Erinnerung, jedes Mal, dass das Harz der Geschichte nicht zuerst Symbol und dann Räucherwerk ist, sondern umgekehrt: ein Stoff, den Menschen längst kannten, tausend Jahre lang in Tempeln verbrannt, bevor jemand eine Weihnachtsgeschichte darum schrieb.
Journal — Kulturgeschichte
Rausch mit Düften — eine Kulturgeschichte
Feldnotizen · 20. Oktober 2019
Lange bevor jemand etwas trank oder rauchte, um den Kopf zu verändern, saß man vielleicht schon in einem Raum voller Rauch, ohne es zu wollen.

Schlafmohn (Papaver somniferum) — Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der griechische Historiker Herodot beschreibt im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, wie die Skythen nach einem Begräbnis Hanfsamen auf glühende Steine in einem geschlossenen Zelt warfen — ‘und sie freuen sich über den Dampf’, schreibt er, ‘und schreien vor Freude’. Es ist eine der frühesten erhaltenen Beschreibungen eines Rauschs, der nicht durch Trinken oder Rauchen im heutigen Sinn entsteht, sondern durch das schlichte Einatmen von Rauch in einem geschlossenen Raum — Archäologische Funde verkohlter Cannabissamen in skythischen Grabkammern haben Herodots Bericht inzwischen weitgehend bestätigt.
Auch das berühmteste Orakel der Antike, das der Pythia in Delphi, wird seit der Antike mit berauschenden Dämpfen in Verbindung gebracht: Antike Autoren beschreiben einen süßlichen Geruch, der aus einer Erdspalte unter dem Tempel aufgestiegen sein soll, während die Pythia in Trance ihre vieldeutigen Sprüche verkündete. Geologische Untersuchungen des Fundorts im frühen 21. Jahrhundert fanden tatsächlich Hinweise auf ethylenhaltige Gase entlang lokaler Verwerfungslinien — eine Erklärung, die unter Fachleuten diskutiert, aber keineswegs abschließend bewiesen ist. Unabhängig von der genauen Chemie zeigt der Fall, wie eng eingeatmeter Dampf und religiöse Autorität in der Antike verbunden sein konnten.
Auch das ägyptische Kyphi, jene vielschichtige Räuchermischung aus Wein, Honig und einem guten Dutzend Harzen, wurde nach Aussage antiker Autoren wie Plutarch nicht nur als Räucherwerk, sondern gezielt am Abend verbrannt, um Schlaf und angenehme Träume zu fördern — eine frühe, bewusste Nutzung von Rauch zur Bewusstseinsveränderung, wenn auch in sanfterer Form als bei den Skythen.
Erstaunlich direkt bestätigt moderne Pharmakologie einen Teil dieser jahrtausendealten Beobachtungen für ausgerechnet den bekanntesten aller Räucherstoffe: Eine 2008 in der Fachzeitschrift The FASEB Journal veröffentlichte israelisch-amerikanische Studie identifizierte im Rauch von verbranntem Weihrauch eine Substanz namens Incensol-Acetat, die im Tierversuch messbar angstlösend und stimmungsaufhellend wirkte, vermittelt über einen Ionenkanal (TRPV3) in bestimmten Hirnregionen — ein Mechanismus, der mit klassischen Rauschmitteln nichts zu tun hat, aber erklären könnte, warum Weihrauchrauch über Jahrtausende hinweg, unabhängig voneinander, in so vielen religiösen Kontexten als beruhigend und erhebend empfunden wurde.
Der Übergang zwischen ‘Duft’ und ‘Droge’ war historisch also nie so klar, wie es die heutige, meist getrennte Behandlung von Parfümerie und Rauschmittelgeschichte suggeriert. Dieselben Pflanzen — Hanf, Mohn, verschiedene Harze — tauchen in Räucherzeremonien wie in expliziten Rauschpraktiken auf, oft im selben kulturellen Kontext, manchmal sogar in derselben Zeremonie, je nach verbrannter Menge und Konzentration.
Eine oft erzählte, aber historisch stark angezweifelte Legende verortet eine ähnliche Verbindung im mittelalterlichen Persien und der Levante: Der Name der als ‘Assassinen’ bekannten ismailitischen Sekte soll sich von hashishiyya, ‘Haschischkonsumenten’, ableiten, mit der Erzählung, ihre Anhänger seien vor Attentaten mit Haschisch berauscht worden, um ihnen einen Vorgeschmack aufs Paradies zu geben. Moderne Historiker halten diese Geschichte inzwischen überwiegend für eine spätere, meist europäische Ausschmückung ohne verlässliche zeitgenössische Belege — ein Beispiel dafür, wie leicht sich Rausch und Räucherwerk auch nachträglich zu einer dramatischen, aber unzuverlässigen Erzählung verdichten lassen.
Eine unerwartete, sehr viel jüngere Fortsetzung dieser alten Verwischung der Grenze zwischen Duft und Rausch fand sich ausgerechnet im frühen 21. Jahrhundert: ‘Kräutermischungen’, unter Bezeichnungen wie K2 oder Spice offen als ‘Räucherwerk, nicht zum menschlichen Verzehr geeignet’ verkauft, enthielten tatsächlich synthetische Cannabinoide und lösten ab etwa 2008 in den USA und Europa eine Welle behördlicher Verbote aus — ein zynisches, aber sprechendes Beispiel dafür, wie der rechtliche Status des Wortes ‘Räucherwerk’ selbst genutzt wurde, um eine Substanz zu verkaufen, die mit klassischem Duft nur noch die Verpackung gemein hatte.
Ein Projekt wie Incense of Music, das im Oktober 2019 unter anderem mit Drachenblut arbeitete — dem tiefroten Harz mehrerer tropischer Baumarten, dem seit der Antike magische und heilende Kräfte zugeschrieben werden —, bewegt sich insofern in einer Tradition, die Rausch nie streng von Ritual getrennt hat: Wo Rauch aufsteigt, war der Übergang zwischen Erhebung und Veränderung des Bewusstseins historisch selten weit.
Journal — Geschichte
Woher die Zitrusfrüchte kommen
Feldnotizen · 18. August 2019
Fast das gesamte Zitrus-Sortiment geht auf vier Wildarten zurück — und eine acht Millionen Jahre alte „Wiege“ im östlichen Himalaya.

Citrus medica (Zitronatzitrone), koloriertes Aquarell — Wellcome Collection, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Jede Orange, jede Zitrone, jede Limette und jede Grapefruit von heute ist genetisch betrachtet eine aus wenigen Wildarten neu kombinierte Nachfahrin. Eine 2018 in Nature veröffentlichte Genomstudie verfolgte die gesamte Gattung zurück zu einer „Zitrus-Wiege“ in den Ausläufern des östlichen Himalaya, im heutigen Südchina und Nordmyanmar, wo sich die Gruppe über rund acht Millionen Jahre diversifizierte – zunächst, als sich die wilden Zitrusarten mit dem Rückzug des Miozän-Monsuns ausbreiteten, viel später dann, als Menschen begannen, sie gezielt zu kreuzen.
Nur vier dieser Wildarten sind für fast alles relevant, was wir heute essen: die Mandarine, die Pampelmuse, die Zitronatzitrone und eine wenig bekannte Papeda-Verwandte. Die Süßorange ist eine Kreuzung aus Mandarine und Pampelmuse; die Bitterorange, verwendet für Marmelade und für die ätherischen Öle Neroli und Petitgrain, ist im Grunde dieselbe Kreuzung in anderem Verhältnis; die Zitrone ist eine Kreuzung aus Bitterorange und Zitronatzitrone; die Grapefruit, die jüngste der großen Zitrusfrüchte, entstand vermutlich im 18. Jahrhundert auf Barbados aus einer Pampelmuse gekreuzt mit einer Süßorange. Fast das gesamte Sortiment lässt sich also auf Kombinationen aus zwei oder drei Gründerfrüchten zurückführen.
Die Zitronatzitrone reiste als Erste. Sie erreichte den Nahen Osten und das Mittelmeer Jahrhunderte vor jeder anderen Zitrusfrucht, vermutlich im Gefolge der Feldzüge Alexanders nach Westen getragen, und wurde zum Etrog der jüdischen Tradition – jener duftenden Zitrusfrucht, die an Sukkot bis heute gehalten und rituell gesegnet wird, ausgewählt der Überlieferung nach auch wegen eines Dufts, der einen Raum füllt, sobald man die Frucht nur in die Hand nimmt. Süßorangen und Zitronen kamen deutlich später und auf einem anderen Weg an, von arabischen Händlern im mittelalterlichen Mittelmeerraum nach Westen verbreitet, dann im 16. Jahrhundert aus chinesischem Bestand über portugiesische Handelsschiffe neu eingeführt – so eng mit diesem Handel verbunden, dass mehrere Sprachen, darunter Griechisch und Rumänisch, die Orange bis heute mit einer Version von „die portugiesische Frucht“ bezeichnen.
Bei Incense of Music 22 räucherten wir Neroli und Petitgrain nebeneinander – vom selben Bitterorangenbaum, das eine Öl aus der Blüte, das andere aus Blättern und Zweigen, zwei völlig verschiedene Düfte aus einer einzigen Hybride, deren eigene Abstammung acht Millionen Jahre und zwei Wildarten tief zu einem Gebirge zurückreicht, an das sich keine der beiden Früchte erinnert.
Unterdessen, in Japan …
Feldnotizen · 15. Juni 2019
Über Ranjatai, das am meisten verehrte Stück Adlerholz Japans, aufbewahrt — und nur selten angeschnitten — im Shōsōin-Schatzhaus von Nara.

Ranjatai (蘭奢待), das kaiserliche Adlerholz-Stück im Shōsōin, Nara — Archiv incenseofmusic.com
Im Shōsōin-Schatzhaus von Nara liegt ein rund anderthalb Meter langes Stück Adlerholz, bekannt seit mindestens dem achten Jahrhundert als Ranjatai. Kaiser, Shōgune und mindestens ein moderner Staatsmann durften im Lauf der Jahrhunderte jeweils einen kleinen Span davon abschneiden — so selten und so verehrt ist dieses Holz.
Sein Duft, sanft erwärmt statt verbrannt, soll von kaum zu beschreibender Komplexität sein: irgendwo zwischen Honig, Leder und Regen auf warmem Stein. Kōdō, der japanische „Weg des Räucherns”, ist genau um diese Art der Aufmerksamkeit entstanden — einen Duft zu „hören”, wie es die Tradition nennt, statt ihn nur zu riechen.
Journal — Literatur
Die Pflanzen im Hohelied Salomos
Feldnotizen · 3. Mai 2019
Henna, Narde, Safran, Kalmus, Weihrauchbäume — eine in Verse verdichtete Gewürzroute, atemlos aufgezählt in Kapitel vier.

Indische Narde (Nardostachys jatamansi) — Illustration aus einer islamischen Manuskript-Handschrift, gemeinfrei, via New York Public Library / Wikimedia Commons
Kein Buch der hebräischen Bibel nennt pro Vers mehr Pflanzen als das Hohelied, und nirgends dichter als in Kapitel vier, wo der Bräutigam seine Braut als „einen verschlossenen Garten“ beschreibt und dann, fast atemlos, aufzählt, was darin wächst: Hennasträucher mit Narde, Narde und Safran, Kalmus und Zimt, jeder Weihrauchbaum, Myrrhe und Aloe, „mit allen den besten Gewürzen“.
Einige dieser Namen brauchen Erklärung. Henna – in manchen Übersetzungen als Cyperblume wiedergegeben – ist Lawsonia inermis, derselbe Strauch, dessen Blätter bis heute zu dem rotbraunen Farbstoff verarbeitet werden, der im Nahen Osten und in Südasien verwendet wird; seine Büschel kleiner weißer Blüten duften intensiv, und dasselbe Buch lässt sie wild in den Weinbergen von En Gedi am Toten Meer wachsen. Narde ist Speiknarde, Nardostachys jatamansi, eine Wurzel aus dem Himalaya, die weiter reisen musste als fast alles andere im Text, um in einen israelitischen Garten zu gelangen – ein Beleg dafür, dass dieser „Garten“ nie ein tatsächlich anlegbares Grundstück war, sondern ein Inventar von allem Kostbaren, an einem unmöglichen Ort versammelt. Aloe meint hier nicht die Sukkulente, sondern Adlerholz, dasselbe harzdurchtränkte Holz, das auch sonst in diesem Journal immer wieder verräuchert wird.
Außerhalb von Kapitel vier wächst der Garten weiter. Die Braut vergleicht ihren Geliebten mit einem Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes; er nennt sie eine Lilie unter Dornen, und später werden die Lilien zu dem Bild für ihre Lippen, triefend von flüssiger Myrrhe. Granatäpfel kehren dreimal wieder, ihr Hain neben Henna und Narde im selben Kapitel-vier-Katalog, und erneut als Bild für einen Tempel hinter einem Schleier. Alraunen – dudaim, eine Pflanze, die im alten Nahen Osten lange mit Fruchtbarkeit verbunden wurde – duften in Kapitel sieben, und Zedern- und Zypressenbalken, nicht wachsend, sondern verbaut, bilden das Gebälk des Hauses, das sich die Liebenden gemeinsam vorstellen.
Zusammengenommen ergeben die Pflanzen des Hohelieds weniger einen Garten als eine in Verse verdichtete Gewürzroute – die Harze und Wurzeln der Weihrauchhandelswege, die durchgehend für ein Verlangen einstehen, das der Text sonst nicht direkt beschreiben will.
Journal — Betrachtungen
Was ist die Essenz einer Pflanze?
Feldnotizen · 20. April 2019
Das Wort ‘Essenz’ klingt, als gäbe es in jeder Pflanze einen einzigen, wahren Duft, der nur befreit werden müsste. Die Chemie sagt etwas anderes.
Lavendelfeld in der Provence — Foto: Marek Gehrmann, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Man spricht von ‘ätherischen Ölen’ und meint fast immer eine einzige Flüssigkeit in einem einzigen Fläschchen. Tatsächlich ist, was aus einem Lavendelfeld destilliert wird, ein Gemisch aus oft mehr als hundert verschiedenen flüchtigen Molekülen — Linalool und Linalylacetat machen den Löwenanteil aus, aber erst das Zusammenspiel mit Dutzenden Nebenkomponenten in wechselnden Anteilen ergibt jenen Duft, den man sofort als ‘Lavendel’ erkennt. Es gibt keine einzelne Substanz namens Lavendel. Es gibt ein Orchester.
Diese Zusammensetzung ist zudem alles andere als konstant. Boden, Höhenlage, Wetter im Jahr der Ernte, Erntezeitpunkt, sogar die Tageszeit der Ernte verschieben das Verhältnis der Moleküle zueinander — zwei Ernten desselben Feldes können sich spürbar unterscheiden, und ein und dieselbe Pflanzenart riecht in Hochlagen der Provence anders als im Flachland. Was destilliert wird, ist also nicht ‘die’ Essenz der Pflanze, sondern eine Momentaufnahme: die chemische Antwort dieser bestimmten Pflanze auf dieses bestimmte Jahr, diesen bestimmten Boden.
Hinzu kommt, dass verschiedene Gewinnungsmethoden aus ein und derselben Pflanze regelrecht unterschiedliche ‘Essenzen’ hervorbringen. Wasserdampfdestillation liefert das klassische ätherische Öl, doch hitzeempfindliche Blüten wie Jasmin oder Tuberose überstehen diesen Prozess kaum unbeschadet und werden stattdessen durch Enfleurage — das langsame Einbetten frischer Blüten in geruchsneutrales Fett — oder durch Lösungsmittelextraktion zu einem sogenannten Absolue verarbeitet, das in Zusammensetzung und Duft spürbar von einem destillierten Öl derselben Pflanze abweicht. Die moderne CO2-Extraktion fügt eine dritte, wiederum andere Variante hinzu. Es gibt also nicht einmal pro Pflanze nur eine mögliche ‘Essenz’, sondern mehrere, je nachdem, mit welcher Methode man ihr begegnet.
Der Begriff ‘Essenz’ stammt aus einer älteren, aristotelischen Vorstellung, wonach jedes Ding einen unveränderlichen, wesenhaften Kern besitzt, der es zu dem macht, was es ist — ein Gedanke, der sich hartnäckig bis in die moderne Parfümeriesprache gerettet hat, obwohl die Chemie längst ein anderes Bild zeichnet: nicht Kern, sondern Verlauf; nicht Substanz, sondern Beziehung zwischen Hunderten von Molekülen und ihrer je einzigartigen Umgebung.
Vielleicht ist gerade das der eigentliche Grund, warum Duft so schwer in Worte zu fassen ist. Wer ‘Lavendel’ riecht, riecht nicht eine Sache, sondern eine ganze kleine Geschichte — von einem bestimmten Hang, in einem bestimmten Sommer, zu einer bestimmten Stunde geschnitten. Die Vorstellung einer einzigen ‘Essenz’ ist bequem, aber sie verdeckt, was eigentlich passiert: Jede Pflanze verhandelt mit ihrer Umwelt neu, jedes Jahr, und der Duft ist das Protokoll dieser Verhandlung.
Journal — Körper & Duft
Warum ist beim Tanzen der Duft so wichtig?
Feldnotizen · 14. Februar 2019
Kein anderer Alltagsraum bringt fremde Körper so nah zusammen wie eine Tanzfläche — und wo Körper nah beieinander sind, ist Geruch nie weit.

Tangotänzer im Sunderland Club, Buenos Aires — Foto: Jorge Royan, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Der Schweiß, den ein tanzender Körper produziert, unterscheidet sich chemisch deutlich von dem, der beim Joggen entsteht. Ein Teil davon stammt aus den apokrinen Drüsen, die vor allem unter den Achseln und im Genitalbereich sitzen und ein proteinreiches Sekret absondern, das für sich genommen fast geruchlos ist — erst Hautbakterien zersetzen es zu jenen flüchtigen Fettsäuren, die wir als ‘Körpergeruch’ wahrnehmen. Anders als ekkrine Schweißdrüsen, die vor allem der Kühlung dienen, reagieren apokrine Drüsen zusätzlich auf emotionale Erregung — Nähe, Aufregung, Anziehung.
Die vielzitierte ‘Schweiß-T-Shirt-Studie’ des Schweizer Zoologen Claus Wedekind aus dem Jahr 1995 fand, dass Frauen den Körpergeruch von Männern mit besonders unterschiedlichem MHC-Gencluster — einem zentralen Baustein des Immunsystems — tendenziell als angenehmer empfanden, mit einer bemerkenswerten Ausnahme bei Frauen, die hormonelle Verhütungsmittel einnahmen. Die Studie wird bis heute diskutiert und in Details angezweifelt, gilt aber weiterhin als einer der einflussreichsten Belege dafür, dass Körpergeruch mehr über potenzielle Partner verrät, als das bewusste Riechen zunächst vermuten lässt.
Historisch war man sich dieser Verbindung durchaus bewusst, wenn auch ohne die passende Chemie dazu. Im 18. und 19. Jahrhundert galt das eigene, unparfümierte ‘Duftsignal’ in manchen europäischen Balltraditionen als durchaus erwünscht — ein Taschentuch, kurz unter der Achsel getragen und dann einer bestimmten Tänzerin überreicht, war in Teilen Österreichs und Süddeutschlands ein bekanntes, wenn auch informelles Werbesignal, das seinen eigenen, unverblümten Namen trug: das ‘Schweißtuch’.
Der Walzer selbst löste, als er Ende des 18. Jahrhunderts aus ländlichen Tänzen Süddeutschlands und Österreichs in die Wiener Ballsäle einzog, aus genau diesem Grund einen jahrzehntelangen Sittenskandal aus: Anders als die höfischen Kontratänze zuvor hielten sich die Tanzenden dabei eng umschlungen, Wange nahe an Wange — nah genug, dass Kritiker der Zeit offen vor der ‘Ansteckungsgefahr’ durch fremden Körpergeruch warnten und den Walzer streckenweise als unmoralisch verurteilten, lange bevor er sich als gesellschaftsfähig durchsetzte.
Der Tango, in den Einwandererviertel von Buenos Aires um 1900 entstanden, macht diese körperliche Nähe zum zentralen Element des Tanzes selbst: der abrazo, die enge Umarmung, bei der Brust an Brust getanzt wird, lässt kaum Raum für parfümierte Distanz. Viele erfahrene Tangotänzerinnen und -tänzer berichten, dass sich der Geruch eines vertrauten Tanzpartners im Lauf der Zeit zu einem eigenen, wiedererkennbaren Signal entwickelt — nicht anders als eine vertraute Stimme oder ein vertrauter Gang.
Parfüm auf der Tanzfläche ist insofern immer eine Gratwanderung: zu viel überdeckt genau jenes körpereigene Signal, das evolutionär offenbar eine eigene kommunikative Funktion hat; zu wenig überlässt den Raum ungefiltert dem puren, oft schweißgetränkten Eigengeruch. Erfahrene Tänzer wählen deshalb häufig besonders leichte, hautnahe Düfte — solche, die den eigenen Geruch begleiten, statt ihn zu ersetzen.
Journal — Quellen
Myrrhe als Symbol des Reichtums im Alten Testament
Feldnotizen · 19. Dezember 2018
Salböl, ein Jahr Schönheitskur für Esther, ein Beutelchen zwischen den Brüsten im Hohelied — warum Myrrhe in der hebräischen Bibel für Luxus steht.

Commiphora myrrha — Illustration: Köhler’s Medizinal-Pflanzen (1887), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
In der hebräischen Bibel taucht Myrrhe – mor – überall dort auf, wo der Text zeigen will, dass keine Kosten gescheut wurden. Sie ist eine von vier Gewürzarten, neben Zimt, Kalmus und Kassia, die in Exodus 30 zum heiligen Salböl vermischt werden – ein Rezept, das so exklusiv war, dass dasselbe Kapitel verbietet, es zum privaten Gebrauch nachzumischen, bei Strafe, „aus seinem Volk ausgerottet“ zu werden.
Das Buch Ester macht die Kostenrechnung ganz explizit. Bevor eine junge Frau vor König Ahasveros gebracht wurde, verbrachte sie zwölf Monate in Vorbereitung: sechs Monate mit Myrrhenöl, dann weitere sechs mit Parfümen und Kosmetika – ein ganzes Jahr allein für eine Zutat, als ganz gewöhnliche Voraussetzung, um überhaupt am Hof vorstellig zu werden. Im Hohelied besteht der Bräutigam selbst aus Myrrhe, ein Beutelchen, das nachts zwischen den Brüsten getragen wird, Myrrhe, die von den Fingern auf den Türgriff tropft – Reichtum, der nicht in Zeremonie, sondern in Intimität verpackt ist.
Der Aufwand war real, nicht nur poetisch gemeint. Myrrhe stammt von Commiphora-Bäumen, die fast nirgends außerhalb der Arabischen Halbinsel und des Horns von Afrika wachsen, und jedes Körnchen, das Jerusalem erreichte, hatte bereits dieselben Weihrauchstraßen hinter sich, auf denen auch Weihrauch nach Norden transportiert wurde – an jeder Station besteuert, über tausend Wüstenkilometer verhandelt, bevor es überhaupt wert war, in einem Gedicht erwähnt zu werden.
Journal — Literatur
Die Bedeutung der Düfte bei Marcel Proust
Feldnotizen · 10. November 2018
Ein in Lindenblütentee getauchtes Gebäckstück und ein ganzer Roman, der daraus erwächst — kaum ein literarisches Bild hat unser Verständnis von Geruch und Erinnerung so geprägt wie dieses.

Marcel Proust, um 1895 — Foto: Otto Wegener, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Die berühmteste Madeleine der Literaturgeschichte taucht bereits am Anfang von Prousts siebenbändigem Auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf: Der Erzähler, erwachsen und gelangweilt an einem Wintertag, tunkt ein Stück Gebäck in Lindenblütentee — und wird, kaum berührt die Mischung seine Lippen, von einer Erinnerungswelle überflutet, die eine ganze verlorene Kindheit in Combray zurückbringt, Straßenzüge, Gärten, Menschen, die er längst vergessen glaubte.
Entscheidend an dieser Szene ist, dass sie nicht willentlich geschieht. Proust nennt dieses Phänomen mémoire involontaire, unwillkürliche Erinnerung, und stellt sie scharf der bewussten, angestrengten Erinnerung gegenüber, die für ihn stets unvollständig und blass bleibt. Nur der Geschmack — eng verwandt, physiologisch wie literarisch, mit dem Geruch — besitzt die Kraft, eine vollständige, körperlich erlebte Vergangenheit ungefiltert zurückzuholen, ohne dass der Verstand sie erst mühsam rekonstruieren müsste.
Diese literarische Beobachtung nimmt, ohne es zu wissen, etwas vorweg, das die Neurowissenschaft erst ein Jahrhundert später bestätigen sollte: Der Riechkolben ist eng mit dem Hippocampus und der Amygdala verschaltet, jenen Hirnregionen, die für Gedächtnis und Emotion zuständig sind — und das nahezu ohne Umweg über den für bewusstes Denken zuständigen Kortex. Visuelle und akustische Reize werden dagegen zunächst über den Thalamus verarbeitet, gewissermaßen ‘gefiltert’, bevor sie das Gedächtniszentrum erreichen. Gerüche haben es einfacher: einen kürzeren, direkteren Draht ins emotionale Gedächtnis.
Die Madeleine ist zudem nur der bekannteste, nicht der einzige Duftauslöser im Roman. Bereits kurz zuvor beschreibt der junge Erzähler den betäubenden, fast schmerzhaften Duft blühender Weißdornhecken (aubépines) am Wegrand von Combray mit einer Intensität, die deutlich macht, wie sehr Proust selbst — zeitlebens von schwerem Asthma geplagt und in seinen letzten Lebensjahren buchstäblich in einem korkverkleideten, staub- und geruchsarmen Zimmer arbeitend — Gerüche als etwas nahezu Übermächtiges erlebte, dem man sich kaum entziehen konnte.
Der nach Proust benannte ‘Proust-Effekt’ bezeichnet heute in der Psychologie genau dieses Phänomen: die besondere Fähigkeit von Gerüchen, weit lebendigere, emotional dichtere Erinnerungen auszulösen als Bilder oder Töne es vermögen. Wer selbst schon einmal von einem einzigen, flüchtigen Duft — einem bestimmten Waschmittel, einer bestimmten Zigarettenmarke, dem Geruch eines lange nicht mehr betretenen Hauses — unvermittelt in eine vergangene Zeit zurückversetzt wurde, hat Prousts Madeleine am eigenen Leib erlebt, auch ganz ohne Lindenblütentee.
Journal — Notizen
Über andere Wesen
Feldnotizen · 2. Oktober 2018
Eine kurze Tatsache darüber, wie ein Hund die Welt tatsächlich riecht.

Archiv incenseofmusic.com
Der Prozentsatz des Gehirns eines Hundes, der für die Analyse von Gerüchen verwendet wird, ist tatsächlich 40-mal höher als der eines Menschen!
Waldrodung in Deutschland
Feldnotizen · 15. September 2018
Eine kurze, persönliche Notiz aus den Tagen der Proteste im Hambacher Forst.

Hans Holbein der Jüngere, Detail aus Totentanz (1538)
Es sieht schlecht aus für den Orang-Utan. Leider auch für die Bechsteinfledermaus. Angesichts der rücksichtslosen Vernichtung unseres ökologischen Erbes im Hambacher Forst aus Gründen purer Gewinnsucht gehen mir im Dialog mit meinen fernöstlichen Freunden langsam die Argumente aus…
Besuch auf Godenholm
Feldnotizen · 15. Juli 2018
Eine Passage aus Ernst Jüngers Novelle von 1952, in der Räucherrauch zu etwas wird, das eher Vision ist als Duft.

AntanO, Incense stick, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
„Das Licht begann zu knistern; ein blauer Faden stieg vom Leuchterrand empor. Ich betrachtete ihn erst mit Erstaunen, dann mit Entzücken, als ob mir eine neue Kraft des Auges zuteil geworden sei. In ihr enthüllten sich die Spiele dieses nach Honig duftenden Rauches, der sich auf schlankem Stiel erhob und dann in zarter Krone verästelte. Es war, als ob ihn meine Einbildung geschaffen hätte – ein blasses Seeliliengespinst in Tiefen, die kaum vom Schlag der Brandung zitterten. (…) Nun traf ein Lufthauch die Vision und drehte sie geschmeidig um die Achse wie eine Tänzerin. (…) Die Strahlen und Gitter der Wunderblume schwenkten in neue Ebenen, in neue Felder ein. Myriaden von Molekülen beugten sich der Harmonie. Hier wirkten die Gesetze nicht mehr unter dem Schleier der Erscheinung; der Stoff war so ätherisch, daß er sie offen spiegelte. Wie einfach und zwingend das alles war. Die Zahlen, Maße und Gewichte traten aus der Materie hervor. Sie warfen die Gewänder ab. (…) Dem müßte eine Anschauung entsprechen, der sich Bereiche offenbarten, zu denen sonst nur die Musik vordringt – zur schwerelosen Zone zwischen sinnlicher und geistiger Wirklichkeit. (…)“
Ernst Jünger, Besuch auf Godenholm
Klett-Cotta, Sämtliche Werke in 18 Bd., Stuttgart 1978

Journal — Wissenschaft
Warum ist Lavendel ein Sedativum?
Feldnotizen · 14. Juni 2018
Linalool und Linalylacetat wirken offenbar auf dasselbe System wie manche Angstmedikamente — mit klinischer Evidenz, die über bloße Aromatherapie hinausgeht.

Lavandula angustifolia — Illustration: Köhler’s Medizinal-Pflanzen (1887), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Zerreibt man eine Lavendelblüte, besteht das meiste, was die Nase erreicht, aus Linalool und Linalylacetat – zwei verwandten Verbindungen, die den Großteil des ätherischen Öls ausmachen und offenbar mehr tun, als nur beruhigend zu riechen. In Tierstudien und einer wachsenden Zahl kontrollierter Studien am Menschen scheinen beide Stoffe auf ein ähnliches System zu wirken wie manche angstlösenden Medikamente: Sie verstärken die Signalübertragung über GABA-A-Rezeptoren, den wichtigsten hemmenden Schalter des Gehirns, und beeinflussen bestimmte Kalziumkanäle, die an der Erregbarkeit von Nervenzellen beteiligt sind.
Die klarste klinische Evidenz stammt von einem oralen Lavendelöl-Präparat, vermarktet als Silexan, das in mehreren placebokontrollierten Studien gegen die generalisierte Angststörung getestet wurde; in manchen entsprach seine Wirkstärke niedrig dosiertem Lorazepam, einem Benzodiazepin – allerdings ohne dessen Sedierung, Abhängigkeitsrisiko oder Absetzerscheinungen. Reines Einatmen wirkt schwächer, aber immer noch messbar – eine oft zitierte Studie in einem Wartezimmer beim Zahnarzt fand, dass Patient*innen, die Lavendelduft in der Raumluft ausgesetzt waren, weniger Angst berichteten als eine Kontrollgruppe, ohne Unterschied in ihrer sonstigen Wachheit.
Nichts davon wurde zuerst von Chemiker*innen gezeigt. Der Name Lavendel wird oft auf das lateinische lavare, waschen, zurückgeführt, wegen seiner Verwendung im römischen Badewasser, und im Mittelalter wurde er ebenso wegen seines beruhigenden Rufs wie zur Geruchsüberdeckung auf Böden gestreut. Bei Incense of Music 12, im März 2017, räucherten wir Lavendel gemeinsam mit Labdanum – eine Kombination, die chemisch durchaus Sinn ergibt: Der eine beruhigt und klärt zugleich den Raum, das andere, ein Harz aus derselben Zistrosen-Familie, tut das Gegenteil, warm und leicht animalisch.
Journal — Quellen
Galbanum in der Naturalis Historia
Feldnotizen · 31. Mai 2018
Was Plinius der Ältere im ersten Jahrhundert über das Harz Galbanum schrieb — im lateinischen Original, mit Übersetzung.

Ferula gummosa (Galbanum-Steckenkraut) — Illustration: Köhler’s Medizinal-Pflanzen (1887), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
De galbano diximus. neque umidum neque aridum probatur et quale docuimus. per se bibitur ad tussim veterem, suspiria, rupta, convulsa, inponitur ischiadicis, lateris doloribus, panis, furunculis, corpori ab ossibus recedenti, strumis, articulorum nodis, dentium quoque doloribus. inlinitur et cum melle capitis ulceribus. purulentis infunditur auribus cum rosaceo aut nardo. odore comitialibus subvenit et vulva strangulante vel in stomachi defectu. abortus non exeuntes trahit adpositu vel suffitu, item ramo hellebori circumlitum atque subiectum. serpentes nidore urentium fugari diximus. fugiunt et perunctos galbano. medetur et a scorpione percussis. bibitur et in difficili partu gabae magnitudine in cyatho vini, vulvasque conversas corrigit, cum murra autem et vino mortuos partus extrahit. adversatur et venenis, maxime toxicis, cum murra et vino.
Gaius Plinius Secundus, 77–78 p.Ch.n.
Eine grobe Übersetzung: „Vom Galbanum haben wir bereits gesprochen. Weder die feuchte noch die trockene Sorte gilt als gut, sondern nur jene von der zuvor beschriebenen Beschaffenheit. Pur getrunken hilft es gegen hartnäckigen Husten, Atemnot, innere Risse und Krämpfe; äußerlich aufgelegt lindert es Ischias, Seitenschmerzen, Geschwülste, Furunkel, Knochenabszesse, Kropf, geschwollene Gelenke und sogar Zahnschmerzen. Mit Honig vermischt wird es auf Kopfgeschwüre gestrichen. Mit Rosenöl oder Narde vermengt, tropft man es in eiternde Ohren. Sein Geruch soll bei epileptischen Anfällen, einer „erstickenden” Gebärmutter oder Magenschwäche helfen. Aufgelegt oder verräuchert zieht es eine zurückgehaltene Fehlgeburt heraus, besonders wenn es um einen Nieswurz-Zweig gewickelt wird. Wie schon erwähnt, vertreibt der Rauch von brennendem Galbanum Schlangen — auch wer damit eingerieben ist, meiden sie. Es soll ebenso Skorpionstiche lindern. Getrunken, in Bohnengröße, in einem Becher Wein, erleichtert es schwierige Geburten und richtet eine verlagerte Gebärmutter; mit Myrrhe und Wein vermischt, treibt es eine abgestorbene Leibesfrucht aus. Mit Myrrhe und Wein zusammen soll es auch gegen Gifte wirken, besonders gegen Giftstoffe.”
Das Jacobson-Organ
Feldnotizen · 15. März 2018
Eine kurze Notiz zum vomeronasalen Organ — und was davon beim Menschen übrig ist.

P.Fernandes (Trebaruna), Detalhe boca Fred, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Das Jacobson-Organ, auch Vomeronasales Organ (VNO) genannt, ist wie die Riechschleimhaut Bestandteil des olfaktorischen Systems. Es korrespondiert evolutionsgeschichtlich den Riechgruben von Fischen. Bei Menschen entsteht das Organ zwar im Mutterleib, bildet sich aber noch vor der Geburt zurück. Bis zum achten Monat ist ein zum Organ gehöriger Nerv nachweisbar. Als ein Rudiment des VNO beim Menschen gilt der Knorpel Cartilago vomeronasalis; dieser liegt hinter dem Knochenvorsprung unten in der Mitte der Nasenöffnung, der Spina nasalis anterior.
Ob das VNO beim Menschen noch eine Funktion erfüllt, gilt als umstritten. Bei der abgebildeten Katze ist der Eingang zum Jacobson-Organ gaumenseitig hinter den Schneidezähnen zu erkennen.
Journal — Wissenschaft
Wie funktioniert der olfaktorische Sinn beim Menschen?
Feldnotizen · 5. März 2018
Über eintausend verschiedene Rezeptorgene, ein direkter Draht ins Gedächtnis und die Fähigkeit, mehr als eine Billion Gerüche zu unterscheiden — der am meisten unterschätzte Sinn ist zugleich der kompliziertere.

Schema der Riechbahn, aus Henry Gray, Anatomy of the Human Body (1918) — Illustration: Henry Vandyke Carter, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Jeder Atemzug trägt Duftmoleküle über die Nasenschleimhaut an eine kleine, münzgroße Fläche hoch im Nasendach: das Riechepithel, ein paar Quadratzentimeter, auf denen sich mehrere Millionen Riechsinneszellen dicht drängen. Jede dieser Zellen trägt auf ihrer Oberfläche nur einen einzigen Typ von Riechrezeptor — beim Menschen kodieren rund 400 funktionsfähige Gene für ebenso viele unterschiedliche Rezeptortypen, deutlich weniger als die etwa 800 Gene, die das Erbgut insgesamt für Riechrezeptoren bereithält, denn über die Hälfte davon ist beim Menschen im Lauf der Evolution zu funktionslosen Pseudogenen verkümmert.
Entdeckt wurde dieses System erst 1991, als Linda Buck und Richard Axel in einer inzwischen legendären Arbeit die Genfamilie der Riechrezeptoren identifizierten — eine der größten Genfamilien im gesamten menschlichen Erbgut. Für diese Entdeckung erhielten beide 2004 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, mehr als ein Jahrzehnt nach der eigentlichen Publikation, ein Hinweis darauf, wie lange es dauerte, bis das Ausmaß der Entdeckung vollständig gewürdigt wurde.
Entscheidend ist dabei ein kombinatorisches Prinzip: Ein einzelnes Duftmolekül aktiviert selten nur einen einzigen Rezeptortyp, sondern meist ein charakteristisches Muster aus mehreren gleichzeitig aktivierten Rezeptoren, in unterschiedlicher Intensität. Das Gehirn liest dieses Muster wie einen Code — mit nur rund 400 verschiedenen ‘Buchstaben’ lässt sich auf diese Weise eine praktisch unerschöpfliche Zahl unterschiedlicher ‘Wörter’, also wahrgenommener Gerüche, bilden. Eine vielzitierte, wenn auch methodisch umstrittene Studie aus dem Jahr 2014 kam rechnerisch auf die Fähigkeit, mehr als eine Billion unterschiedliche Duftkombinationen zu unterscheiden — weit mehr, als das Auge an Farben oder das Ohr an Tönen unterscheiden kann.
Anatomisch besonders ist zudem der Weg, den diese Signale nehmen. Alle anderen Sinne — Sehen, Hören, Tasten, sogar Schmecken — werden zunächst über den Thalamus geleitet, eine Art zentrale Relaisstation, bevor sie das Bewusstsein erreichen. Die Riechbahn dagegen führt direkt vom Riechkolben zu Amygdala und Hippocampus, den Zentren für Emotion und Gedächtnis — ganz ohne diesen Umweg. Dieser anatomische Kurzschluss gilt als eine der plausibelsten Erklärungen dafür, warum Gerüche so viel unmittelbarer und emotional dichter erinnert werden als Bilder oder Töne.
Was wir alltagssprachlich ‘Geschmack’ nennen, ist zudem größtenteils Geruch: Die berühmte Nasenklammer-Probe zeigt es sofort — wer sich beim Essen die Nase zuhält, schmeckt zwar noch süß, salzig, sauer, bitter und umami, verliert aber fast das gesamte, feinere Aromaprofil. Dieser sogenannte retronasale Geruchssinn, bei dem Duftmoleküle beim Kauen von hinten durch den Rachen in die Nase aufsteigen, macht den überwiegenden Teil dessen aus, was wir für ‘Geschmack’ halten — ein Grund, warum Menschen mit Riechverlust (Anosmie) häufig auch über einen fast vollständigen Verlust des Essgenusses klagen, selbst wenn ihre Zunge unverändert funktioniert.
Wie verletzlich dieses System zugleich ist, wurde einer breiten Öffentlichkeit erst durch die COVID-19-Pandemie bewusst: Der plötzliche Verlust des Geruchssinns entwickelte sich rasch zu einem der charakteristischsten Frühsymptome einer Infektion, oft ganz ohne begleitende Erkältungssymptome. Als Ursache gilt heute vor allem eine Schädigung der Stützzellen im Riechepithel, nicht der Riechsinneszellen selbst — ein Umstand, der erklärt, warum sich der Geruchssinn bei den meisten Betroffenen nach Wochen oder Monaten zumindest teilweise zurückbildet. Aus dieser Krise heraus etablierte sich das sogenannte Riechtraining als anerkannte Therapieform: Betroffene riechen zwei- bis viermal täglich systematisch an stark unterschiedenen Duftstoffen — klassischerweise Rose, Zitrone, Gewürznelke und Eukalyptus —, um die Regeneration der Riechzellen und ihrer Verschaltung gezielt zu unterstützen.
Verglichen mit vielen anderen Säugetieren gilt die menschliche Nase gemeinhin als schwach — ein Ruf, der die eigentliche Leistungsfähigkeit des Systems eher verdeckt als beschreibt. Nicht die Empfindlichkeit einzelner Rezeptoren unterscheidet den Menschen von einem Hund, sondern vor allem die geringere Zahl funktionsfähiger Rezeptorgene und ein kleineres Riechepithel. Das kombinatorische Prinzip selbst — Muster statt Einzelsignale — funktioniert bei uns nicht weniger raffiniert als bei jedem anderen Säugetier.
Jahai!
Feldnotizen · 2. März 2018
Ein Dutzend Wörter für Gerüche, die es im Deutschen nicht gibt — über die Sprache der Jahai, Jäger und Sammler auf der Malaiischen Halbinsel.

Taman Negara, Malaysia — Foto: Vyacheslav Argenberg, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
„Es gilt weithin als ausgemacht, dass Menschen schlecht darin sind, Gerüche zu benennen. Das hat Forschende dazu veranlasst anzunehmen, dass Geruchsvorstellungen den Sprachzentren des Gehirns schlicht nicht zugänglich seien. Aber stimmt das wirklich? Die Psychologin Asifa Majid von der Radboud-Universität Nijmegen und der Linguist Niclas Burenhult von der Universität Lund, Schweden, haben auf der Malaiischen Halbinsel neue Belege für eine eigene Geruchssprache gefunden.“
Radboud University Nijmegen, „Odors Expressible in Language, as Long as You Speak the Right Language“, ScienceDaily, 3. Januar 2014.
„Im Jahai gibt es rund ein Dutzend verschiedener Wörter, um unterschiedliche Geruchsqualitäten zu beschreiben. Ltpɪt etwa bezeichnet den Duft verschiedener Blüten und reifer Früchte, von Durian, Parfüm, Seife, Adlerholz und Binturong (Marderbär), unter anderem. Cŋɛs, ein weiteres Geruchswort, steht für den Geruch von Benzin, Rauch, Fledermauskot und Fledermaushöhlen, bestimmter Tausendfüßler-Arten, der Wurzel von wildem Ingwer und mehr. Diese Begriffe beziehen sich auf unterschiedliche Geruchsqualitäten und sind abstrakt — auf dieselbe Weise, wie Blau und Violett abstrakt sind.“
Asian Scientist Magazine, „Odors Expressible In Malay Hunter-Gatherer Language“, Januar 2014.
Siehe auch: Süddeutsche Zeitung, „Explosion der Düfte“.
Journal — Düfte
Die Prinzessin und der Bitterorangenbaum
Feldnotizen · 20. Dezember 2017
Ein Name, der seit mehr als dreihundert Jahren an einer römischen Fürstin hängt, weil ihre Handschuhe besser dufteten als die von jedermann sonst.
Citrus aurantium, die Bitterorange — Foto: Zeynel Cebeci, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Neroli wird aus den Blüten des Bitterorangenbaums gewonnen, nicht aus der Frucht — ein feiner, aber entscheidender Unterschied, denn derselbe Baum liefert noch zwei weitere, völlig eigenständige Düfte: Petitgrain aus Blättern und Zweigen, Bitterorangenöl aus der Schale. Das Blütenöl selbst ist grün, leicht bitter, mit einer metallischen Schärfe im Kopf, die sich erst nach einigen Minuten zu etwas Honigartigem, fast Hautwarmem hin öffnet. Wer nur das süße, runde Orangenblütenwasser aus der Küche kennt, ist von reinem Neroli meist überrascht.
Ganz neu war der Duft zur Zeit der Fürstin freilich nicht: Orangenblütenwasser, aqua nanfa, war im arabisch geprägten Sizilien und in al-Andalus schon Jahrhunderte zuvor bekannt, verwendet in Küche wie Kosmetik. Was sich mit Anne Marie Orsini änderte, war nicht die Entdeckung des Duftes, sondern sein gesellschaftlicher Status: Aus einem regional gebräuchlichen Wasser wurde, dank ihr, ein Statussymbol der europäischen Höfe.
Seinen Namen verdankt das Öl nicht der Botanik, sondern einer Frau. Anne Marie Orsini, Herzogin von Bracciano und Fürstin von Nerola — einem kleinen Ort nordöstlich von Rom —, machte gegen Ende des 17. Jahrhunderts das Bitterorangenöl an ihrem Hof salonfähig: Sie parfümierte damit ihre Handschuhe und ihr Badewasser, und binnen kurzer Zeit sprach man in den europäischen Höfen nicht mehr vom Bitterorangenöl, sondern schlicht vom acqua di Nerola. Aus dem Fürstentitel wurde ein Gattungsname, der bis heute in keiner Parfümeur-Ausbildung fehlt.
Das 18. Jahrhundert nahm die Mode dankbar auf: Neroli wurde zu einem der tragenden Bausteine des frühen Eau de Cologne, jener kühlen Zitrus-Kräuter-Komposition, die von Köln aus die halbe Welt eroberte. Heute steht Neroli in der Parfümerie meist im Herzen einer Komposition, zwischen den flüchtigen Kopfnoten und den schwereren Basisnoten — ein Öl, das sowohl an einen Ballsaal des 17. Jahrhunderts erinnern kann als auch, ganz unprätentiös, an einen Orangenhain im Frühling. Nicht ganz zufällig stand bei Incense of Music 22 im Dezember 2017 genau diese Kombination auf dem Programm: Petitgrain und Neroli, zwei Gesichter desselben Baumes, an einem Abend nebeneinander verbrannt.
Journal — Wissenschaft
Warum der Geruchssinn beim Menschen ins Abseits geriet
Feldnotizen · 22. November 2017
Rund sechzig Prozent unserer Geruchsrezeptor-Gene sind stillgelegt. Eine Spurensuche zwischen Genetik, Farbsehen und dem 19. Jahrhundert.

Riechkolben und Riechbahn — Illustration aus Gray’s Anatomy (1918), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Von den rund achthundert Geruchsrezeptor-Genen im menschlichen Genom ist eine Mehrheit – Schätzungen liegen oft bei etwa sechzig Prozent – zu Pseudogenen geworden: defekte Kopien, durch Mutationen stillgelegt, die keinen funktionierenden Rezeptor mehr hervorbringen. Bei der Maus dagegen funktioniert der weit überwiegende Teil derselben Genfamilie noch – das Muster wirkt weniger wie allmählicher Verfall als wie bewusste Aufgabe.
Eine der meistdiskutierten Erklärungen bringt das direkt mit dem Sehen in Verbindung. In einer vielzitierten Studie von 2004 in PLOS Biology fanden Yoav Gilad und Kolleg*innen, dass Primatenlinien, die ein volles dreifarbiges Sehen entwickelten – Rot klar von Grün unterscheiden zu können, nicht nur den Blau-Gelb-Kontrast, den die meisten Säugetiere schaffen – ihre Geruchsrezeptor-Gene deutlich schneller verloren als Linien, die nur beim zweifarbigen Sehen blieben. Die Vermutung: Sobald ein Primat eine reife rote Frucht vor grünen Blättern schon aus der Ferne erkennen konnte, wurde die Nase als Quelle derselben Information ein wenig entbehrlicher, und die Evolution hörte auf, jedes einzelne Rezeptor-Gen sorgfältig zu erhalten. Spätere Arbeiten haben infrage gestellt, wie direkt dieser Zusammenhang wirklich ist – die Debatte ist nicht abgeschlossen.
Die Idee ist allerdings älter als die Genetik. Im 19. Jahrhundert unterteilte der französische Anatom Paul Broca Säugetiere in „makrosmatisch“ und „mikrosmatisch“ – starke und schwache Riecher – und bemerkte, dass die Riechregionen des Gehirns im Verhältnis zum Rest schrumpften, je stärker sich der Neocortex bei Primaten und besonders beim Menschen ausdehnte. Brocas eigene Erklärung stützte sich auf inzwischen überholte Vorstellungen von freiem Willen und Instinkt, doch die reine Beobachtung hat sich gehalten: Anteilig widmet kaum ein Säugetier dem Riechen so wenig Gehirn wie wir.
All das heißt nicht, dass der menschliche Geruchssinn zu vernachlässigen wäre – geschulte Nasen unterscheiden nach einer einflussreichen Schätzung immer noch in der Größenordnung von einer Billion verschiedener Duftmischungen. Es heißt eher, dass die Evolution den Geruchssinn, von allen Sinnen, still hat mitlaufen lassen, während Sehen und Denken einen Teil seiner früheren Aufgaben übernahmen. Eine passende Ursprungsgeschichte für ein Räucher-Projekt: Wenn die Nase sich mehr erkämpfen musste, um wahrgenommen zu werden, ist dieses ganze Unterfangen, im Kleinen, auch ein Plädoyer dafür, ihr diese Aufmerksamkeit zurückzugeben.
Journal — Zeremonien, Teil 2/5
Zeremonien mit Räuchern: Südamerika
Feldnotizen · 25. Juni 2017
Der zweite Teil der Reihe führt dorthin, wo ein Baum, der eigentlich tot sein müsste, erst im Sterben zu duften beginnt.

Reinigungsritual mit Palo Santo (Bursera graveolens) am Centro Takiwasi, Peru — Foto: François Delonnay, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der zweite Streifzug dieser kleinen Journal-Reihe über Räucherzeremonien der fünf Kontinente führt nach Südamerika — und dort zuerst zu Palo Santo, dem ‘heiligen Holz’.
Palo Santo stammt vom Baum Bursera graveolens, der an der pazifischen Trockenküste von Ecuador und Peru wächst, in denselben Wäldern, die auch die Galápagos-Inseln prägen. Das Eigentümliche an diesem Holz: Frisch geschlagen, riecht es kaum. Erst wenn ein Ast abstirbt und mehrere Jahre lang am Boden liegt, konzentrieren sich die ätherischen Öle im Holz — Limonen, Menthofuran, ein Hauch von Terpentin und Kiefer — zu jenem süßlich-harzigen, fast zitrusartigen Duft, den man heute kennt. Nachhaltig gesammeltes Palo Santo stammt deshalb grundsätzlich von bereits abgestorbenem, am Boden liegendem Holz, nicht von gefällten Bäumen.
In den Andenregionen Perus und Ecuadors ist Palo Santo seit Generationen Teil von limpiezas — Reinigungsritualen, die oft mit Ayahuasca-Zeremonien, mit der Arbeit von curanderos oder schlicht mit dem Beginn und Ende eines Tages verbunden sind. Der Rauch gilt als Mittel, einen Raum, eine Person oder einen Gegenstand von ‘schwerer’ Energie zu befreien; oft wird er mit einer Feder oder der bloßen Hand gezielt um Körper oder Raum gelenkt. Das Foto zu diesem Beitrag zeigt genau ein solches Ritual, kurz vor einer Erdzeremonie am Centro Takiwasi in Peru — ein Ort, der traditionelle Pflanzenheilkunde und westliche Suchttherapie miteinander verbindet.
Kopal, das Harz verschiedener Bursera- und Protium-Arten, begleitet Palo Santo in vielen mittelamerikanischen und andinen Traditionen als zweites zentrales Räucherwerk — bei den Maya und Azteken war Kopal so eng mit dem Göttlichen verknüpft, dass sein Rauch buchstäblich als Nahrung der Götter galt. Beide Harze, Palo Santo wie Kopal, sind heute durch ihre Popularität im globalen Wellness-Markt einem Nachfragedruck ausgesetzt, der in den Ursprungsregionen nicht immer nachhaltig aufgefangen wird — ein Spannungsfeld, das südamerikanische Räucherpraxis von vielen anderen unterscheidet: Sie ist zugleich uralt und, in ihrer heutigen weltweiten Form, erstaunlich jung.
Neben den Harzen spielt in weiten Teilen der Anden auch geblasener Tabakrauch eine zentrale zeremonielle Rolle, meist in Form von Mapacho, einer besonders nikotinreichen Wildtabaksorte. Heiler blasen den Rauch gezielt über Körper, Gegenstände oder Räume — ein Akt, der weniger dem westlichen Rauchen ähnelt als vielmehr einer gerichteten, fast medizinischen Anwendung, oft begleitet von Icaros, den überlieferten Heilgesängen der Amazonasregion, die während einer Zeremonie den Rauch gewissermaßen lenken sollen.
Auf den Straßenmärkten Limas, Quitos oder Mexiko-Stadts wiederum begegnet einem eine deutlich alltäglichere Form südamerikanischer Räucherpraxis: der sahumerio, vorgefertigte Kräuterbündel aus Raute, Rosmarin, Basilikum und anderen lokal verfügbaren Pflanzen, die weit außerhalb jedes schamanischen Kontexts zum Schutz vor ‘schlechten Energien’ im eigenen Zuhause verbrannt werden — eine volkstümliche, oft katholisch überformte Fortsetzung derselben Grundidee, die in den Anden-Zeremonien in konzentrierterer, spirituell aufgeladenerer Form fortlebt.
Journal — Geschichte
Die Weihrauchstraße
Feldnotizen · April 2017
Jahrhundertelang bewegte ein einziger Duft ganze Reiche. Weihrauch, von Kamelkarawanen aus Südarabien ans Mittelmeer gebracht, finanzierte Städte und Tempel und war zeitweise mehr wert als Gold.
Boswellia sacra, Wadi Dawkah, Oman — Foto: Mauro Raffaelli, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Vom etwa dritten Jahrhundert v. Chr. bis ins zweite Jahrhundert n. Chr. transportierte ein Netz aus Land- und Seewegen Weihrauch und Myrrhe aus Südarabien und vom Horn von Afrika in die Tempel und auf die Märkte der mediterranen Welt. Die Routen verliefen von den Anbaugebieten in Dhofar und Hadramaut nach Norden, über Zwischenstationen im arabischen Landesinneren, bis zu Knotenpunkten wie Petra und Gaza, bevor das Harz Rom, Alexandria und darüber hinaus erreichte.
Die Nabatäer, mit Sitz in Petra, kontrollierten einen entscheidenden Abschnitt der Route — dort, wo sich die Wege vom Golf von Akaba und vom Toten Meer trafen — und wurden durch Zölle auf die durchziehenden Karawanen wohlhabend. Andere Handelsstädte, darunter Gerrha am Persischen Golf sowie die Häfen Khor Rori und Qana am Arabischen Meer, verbanden die Landroute mit dem Seehandel bis nach Indien.
Weihrauch selbst wird aus Boswellia sacra gewonnen, einem niedrigen, harzreichen Baum, der in den kargen Hügeln Omans, Jemens und Somalias wächst. Der Baum wird mit gezielten Einschnitten angezapft; aus der Wunde tritt ein milchiges Harz aus, das zu den duftenden „Tränen“ aushärtet, die in der antiken Welt als Weihrauch verbrannt wurden. In hellenistischer und römischer Zeit soll sein Wert den von Gold übertroffen haben.
Die Bedeutung der Route schwand, als Rom direkten Seehandel mit Indien aufbaute und später, nach der arabischen Eroberung Ägyptens im 7. Jahrhundert, die Handelskarten der Region neu gezeichnet wurden. Doch etwas davon lebt in jedem Incense-of-Music-Konzert fort, wenn ein Harz auf die Kohle gelegt wird: eine kleine Rückkehr zu einem Handel, der einst über tausend Meilen Karawanenpfade führte, vom Baum zum Tempel, vom Tempel zur Stadt, von der Stadt zur Erinnerung.
Journal — Wissenschaft
Der Zusammenhang zwischen Riechen und Schmecken
Feldnotizen · 8. April 2017
Die Zunge kann nur fünf Dinge unterscheiden. Fast alles andere, was wir „Geschmack“ nennen, ist eigentlich Geruch.

Gerrit van Honthorst, Allegorie des Geschmacks (um 1623–1624), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Nase zuhalten und ein Gummibärchen essen — so getestet, können die meisten Menschen ein Zitronen- nicht von einem Orangen-Bärchen unterscheiden, manchmal merken sie nicht einmal, dass sie überhaupt etwas anderes als reinen Zucker essen. Die Zunge allein ist ein erstaunlich stumpfes Werkzeug: Sie unterscheidet nur fünf Qualitäten – süß, sauer, salzig, bitter und umami – nichts, was den Unterschied zwischen einer Erdbeere und einer Himbeere erklären würde.
Was wir Geschmack nennen, ist größtenteils Geruch, der durch die Hintertür hereinkommt. Beim Kauen steigen Aromamoleküle von hinten durch den Rachen in die Nasenhöhle auf und erreichen dieselben Riechrezeptoren, die auch ein Schnüffeln von vorne erreicht – ein Weg, den Physiologen retronasale Wahrnehmung nennen, im Unterschied zum orthonasalen Riechen. Deshalb schmeckt Essen bei einer schweren Erkältung fade und austauschbar: Die Zunge funktioniert einwandfrei, nur der Weg dahinter ist versperrt.
Weinverkostungen zeigen das fast schon peinlich deutlich. Geschulte Verkoster*innen beschreiben Leder, Veilchen, nassen Stein und schwarze Kirsche in einem Glas, das der Zunge chemisch betrachtet nur Säure, etwas Süße und die Bitterkeit der Tannine bietet – alles andere ist retronasaler Geruch, den das Gehirn zu etwas zusammensetzt, das wir hartnäckig Geschmack nennen.
Journal — Zeremonien, Teil 1/5
Zeremonien mit Räuchern: Europa
Feldnotizen · 25. März 2017
Mit diesem Beitrag beginnt eine kleine Reihe im Journal: fünf Streifzüge zu den Räucherzeremonien der fünf Kontinente, in loser Folge, nicht als Wettlauf durch die Weltkarte, sondern als fünf eigenständige Betrachtungen. Den Anfang macht Europa — und dort die älteste erhaltene Räuchertradition des Kontinents.

Der Botafumeiro schwingt durch das Querschiff der Kathedrale von Santiago de Compostela — Foto: Luis Miguel Bugallo Sánchez, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Europas älteste erhaltene Räuchertradition reicht bis in die griechische und römische Antike zurück, wo Weihrauch — meist importiert, nie heimisch gewachsen — fester Bestandteil von Opferritualen war: Kein Altaropfer galt ohne die begleitenden Rauchwolken als vollständig, und Weihrauch war so wertvoll, dass ihn sich private Haushalte oft nur zu besonderen Anlässen leisten konnten.
Das frühe Christentum übernahm die Praxis zunächst zögerlich — Weihrauch war so eng mit dem römischen Kaiserkult verbunden, dass die Weigerung, ihn vor einer Kaiserstatue zu verbrennen, für frühe Christen buchstäblich lebensgefährlich war und in zahlreichen Märtyrergeschichten eine zentrale Rolle spielt. Erst nachdem das Christentum selbst zur Staatsreligion geworden war, wandelte sich Weihrauch vom Symbol heidnischer Loyalität zum festen liturgischen Element der eigenen Kirche — eine bemerkenswerte Umdeutung desselben Materials innerhalb weniger Jahrhunderte.
Bis heute begleitet das Räuchern mit dem Thuribel, einem an Ketten schwingenden Metallgefäß, feierliche Messen in der katholischen wie in der orthodoxen Kirche: Der aufsteigende Rauch symbolisiert traditionell die zum Himmel aufsteigenden Gebete der Gläubigen, ein Bild, das sich fast wörtlich schon im biblischen Psalm 141 findet — ‘Mein Gebet steige auf vor dir wie Weihrauch.’
Die spektakulärste erhaltene Form dieser Praxis findet sich in der Kathedrale von Santiago de Compostela: Der Botafumeiro, ein etwa 1,50 Meter hohes, rund 80 Kilogramm schweres Silbergefäß, wird von einem Team aus acht Männern, den tiraboleiros, an einem System von Seilen durch das gesamte Querschiff der Kathedrale geschwungen, bis er nahezu die Decke streift — eine Geschwindigkeit von über 60 Kilometern pro Stunde am tiefsten Punkt der Bahn. Der praktische Ursprung dieser Tradition liegt vermutlich weniger im rein Spirituellen als im Handfesten: Erschöpfte, monatelang unterwegs gewesene Pilger füllten die mittelalterliche Kathedrale mit einem Geruch, den man mit großzügigen Mengen schwingenden Weihrauchs zu übertönen suchte.
Nördlich der Alpen entwickelte sich, unabhängig von der kirchlichen Liturgie, eine eigenständige volkstümliche Räuchertradition, die bis heute vor allem im deutschsprachigen und alpinen Raum lebendig ist: das Räuchern in den Rauhnächten, den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig. Mit Mischungen aus Weihrauch, Myrrhe, Wacholder, Salbei und weiteren Kräutern zieht man dabei durch Haus und Stall, um das alte Jahr symbolisch auszuräuchern und das neue rein zu empfangen — eine Praxis, deren vorchristliche Wurzeln bis heute diskutiert werden, die sich aber in ihrer heutigen Form eng mit dem kirchlichen Kalender der Raunächte verwoben hat.
Lavendel und Labdanum, die harzige Zistrosen-Ausscheidung, die seit der Antike im gesamten Mittelmeerraum gesammelt wird — der Legende nach ursprünglich aus dem Fell weidender Ziegen ausgekämmt, die durch die klebrigen Zistrosensträucher gestreift waren —, stehen exemplarisch für eine dritte, weniger zeremonielle, aber ebenso alte europäische Räuchertradition: das häusliche, oft informelle Verbrennen einfacher, lokal verfügbarer Kräuter und Harze, ganz ohne den institutionellen Rahmen von Kirche oder Ritual, einfach um einen Raum angenehm duften zu lassen.
Im 20. Jahrhundert schließlich gab Europa dem Räuchern und Duften noch eine dritte, säkulare Deutung: 1937 prägte der französische Chemiker René-Maurice Gattefossé, nachdem er sich bei einer Laborexplosion die Hand verbrannt und angeblich zufällig in reinem Lavendelöl gekühlt hatte, den Begriff ‘Aromathérapie’ — die Geburtsstunde einer Bewegung, die ätherische Öle nicht mehr primär religiös oder rituell, sondern medizinisch-therapeutisch deutete und damit, ohne es zu beabsichtigen, einen Bogen zurück zu den ältesten europäischen Räuchertraditionen schlug, in denen Heilung und Zeremonie ohnehin nie streng getrennt waren.
Nicht zufällig stand genau diese Kombination — Lavendel und Labdanum — im März 2017 bei Incense of Music 12 auf dem Programm, in einem Konzert, das unter dem Titel Archivo Pittoresco explizit mit erinnerter, imaginierter Vergangenheit spielte. Europas Räuchergeschichte, von der Opferstätte über die Kathedrale bis zum Küchentisch, zeigt: Der Kontinent, der Weihrauch nie selbst anbaute, hat ihn sich trotzdem, über zweieinhalb Jahrtausende hinweg, so gründlich zu eigen gemacht wie kaum ein anderes importiertes Gut.
Journal — Praxis
Alchemie der Düfte: was ist eine gute Mischung?
Feldnotizen · 1. September 2016
Die Werkzeuge der Parfümerie und die der Alchemie stammen aus derselben Werkstatt — der Begriff der ‘guten Mischung’ hat sich seither kaum verändert.

Wacholderbeeren (Juniperus communis) — Foto: W.carter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Alambic, jenes bauchige Destilliergerät mit dem charakteristischen, nach oben gebogenen Schnabel, wurde nicht von Parfümeuren erfunden, sondern von Alchemisten — al-Anbiq, das arabische Wort, hinter dem sich wiederum ein griechischer Ursprung verbirgt, bezeichnete ursprünglich ein Gerät zur Trennung von Stoffen, mit dem man ebenso nach Gold wie nach reinem Rosenwasser suchte. Die ‘quinta essentia’, die fünfte Essenz jenseits der vier klassischen Elemente, die Alchemisten in destillierten Flüssigkeiten zu fassen hofften, ist sprachlich bis heute im Wort ‘Essenz’ für ein Duftöl erhalten.
Einer der frühesten erhaltenen Texte, der Duftherstellung systematisch wie eine exakte Wissenschaft behandelt, stammt bezeichnenderweise von einem Universalgelehrten, nicht von einem Parfümeur: Der arabische Philosoph al-Kindi verfasste im 9. Jahrhundert das Buch der Chemie des Parfums und der Destillationen, mit über hundert konkreten Rezepturen und Mengenangaben für Salben, Duftwässer und Räucherwerk — ein Werk, das Chemie, Medizin und Duftkunst noch ganz selbstverständlich als eine einzige Disziplin behandelte.
Eine ‘gute Mischung’ folgt in der modernen Parfümerie einem Grundprinzip, das erstaunlich nah an alchemistischer Stufung bleibt: der Duftpyramide aus Kopf-, Herz- und Basisnote. Kopfnoten — meist Zitrus, leichte Kräuter — verflüchtigen sich binnen Minuten und sind der erste Eindruck; Herznoten, oft Blumiges, bilden über Stunden den eigentlichen Charakter; Basisnoten — Harze, Hölzer, Moschusartiges — verflüchtigen sich am langsamsten und verankern die Komposition auf der Haut, manchmal über einen ganzen Tag.
Ein ‘Akkord’ entsteht dabei selten aus einem einzelnen Rohstoff, sondern fast immer aus dem gezielten Zusammenspiel mehrerer: Wacholderbeeren etwa, harzig-frisch mit einem Hauch von Kiefernnadel, funktionieren selten allein, sondern meist im Zusammenspiel mit Weihrauch oder Zeder, wo sie eine schwerere Basis mit einer grünen, fast erdigen Frische aufhellen — genau jenes Prinzip, nach dem auch Incense of Music 8 im August 2016 programmiert war, als Weihrauch, Wacholder und Elemi gemeinsam verbrannt wurden.
Was eine Mischung letztlich ‘gut’ macht, lässt sich schwerer in Regeln fassen, als die Pyramide suggeriert: Zu viel Symmetrie wirkt schnell steril, zu viel Kontrast zerfällt in Einzelteile. Die besten Kompositionen, ob in einem Alambic des 10. Jahrhunderts oder in einem Konzertsaal des 21., verbindet meist dasselbe schwer greifbare Kriterium — ein Gleichgewicht, das sich eher fühlen als berechnen lässt.
Journal — Pflanzen
Kalmus und der Duft, der unter der Erde wartet
Feldnotizen · 18. März 2016
Ein Sumpfgewächs, das die alten Ägypter zu Parfüm verarbeiteten, und das europäische Apotheker hundert Jahre lang mit der Schwertlilie verwechselten, bevor jemand den Namen richtig zuordnete.

Acorus calamus (Kalmus) — Foto: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Kalmus wächst unauffällig an den Rändern von Teichen und langsamen Flüssen, ein bescheidener Bestand schwertförmiger Blätter, der aus dem Schlamm aufsteigt. Zerreibt man ein Blatt zwischen den Fingern, entfaltet sich jedoch ein süßer, warmer, leicht zitrusartiger Duft, der alles andere als bescheiden ist. Der Duft sitzt im Rhizom, einem knorrigen unterirdischen Stängel von der Dicke eines Fingers, außen braun, innen weiß, das die Pflanze aus den Flusstälern Kasachstans — ihrer vermutlichen Heimat — in Feuchtgebiete auf fast jedem Kontinent getragen hat.
Diesen Duft kannten schon die Ägypter. Ein Parfümrezept, das auf dem Chester-Beatty-Papyrus überliefert ist und rund dreizehnhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung entstand, führt das Rhizom unter seinen Zutaten auf — eine der ältesten Duftrezepturen, die sich bis heute lesen lassen. Nach Europa gelangte die Pflanze auf Umwegen: Kräuterbücher aus dem späten 15. Jahrhundert erwähnen sie, verwechselten sie aber jahrzehntelang mit der einheimischen Schwertlilie, der sie oberflächlich ähnelt — ein Irrtum, der überraschend lange bestehen blieb. Bis zum späten 16. Jahrhundert hatte sie England erreicht, geschätzt sowohl für ihren Duft als auch für die bittersüß kandierte Wurzel.
Außerhalb Europas fand die Pflanze eigenständige Traditionen: in der chinesischen, nepalesischen und indischen Heilkunde ebenso wie bei nordamerikanischen Gemeinschaften wie den Chipewyan, die junge Stängel und Rhizom sowohl als Nahrung als auch als Heilmittel zubereiteten. Ihr wichtigster Duftstoff, Beta-Asaron, ist zugleich der Grund, warum die USA die Pflanze 1968 aus Lebensmitteln und Getränken verbannten — europäische Bitter, die sie noch in kleinen Mengen verwenden, bewegen sich im Vergleich dazu in einer Art Grauzone.
Was von alldem, dreitausend Jahre später, übrig bleibt, ist im Grunde dieselbe Geste: ein Rhizom brechen und den Duft aufsteigen lassen. Eine kleine, hartnäckige Kontinuität — von der Parfümwerkstatt eines ägyptischen Duftmeisters bis zum Sumpf am Rand eines namenlosen Sees —, die der Weihrauch, anders als fast alles sonst, offenbar zu bewahren weiß.
Journal — Pflanzen
Wermut und die Bitterkeit, die zum Getränk wurde
Feldnotizen · 15. März 2016
Bitter genug, um einem Getränk und einem Magenmittel denselben Namen zu geben — und um in der Offenbarung des Johannes ein Drittel der Flüsse bitter zu machen.

Artemisia absinthium (Wermut) — Foto: Agnieszka Kwiecień, Nova, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Wermut kündigt sich an, bevor man ihn berührt: ein niedriger, silbriger Strauch, dessen fein zerteilte Blätter selbst in der Hochsommerhitze wie mit Reif überzogen wirken, beheimatet in den trockenen Böden Nordafrikas und des gemäßigten Eurasiens und mittlerweile ebenso in Kanada wie im Kaschmirtal heimisch geworden. Das Silbrige stammt von einem feinen Flaum aus Härchen und Öldrüsen, der der Pflanze zugleich ihre Bitterkeit und ihren Duft verleiht — scharf, krautig, leicht medizinisch, der Geruch von etwas, dem man Wirkung zutraut.
Diese Bitterkeit hat der Pflanze eine lange Karriere beschert. Ihr deutscher Name Wermut ging nahezu unverändert als „vermouth“ ins Englische über, in jenen weinbasierten Aperitif, den sie bis heute aromatisiert; dieselbe Pflanze, destilliert statt eingelegt, wurde zum wichtigsten Bitterstoff im Absinth. Englische Brauer verwendeten sie stellenweise im 18. Jahrhundert anstelle von Hopfen, und Kräuterkundige griffen über Jahrhunderte hinweg zu ihr als Mittel gegen Darmwürmer — daher auch ihr englischer Name „wormwood“.
Ihre Bitterkeit reichte über die Apotheke hinaus. In der Offenbarung des Johannes benennt ein fallender Stern namens Wermut ein Drittel der Flüsse der Erde, die dadurch untrinkbar werden; bei Shakespeare reibt sich eine Amme Wermut auf die Brust, um in Romeo und Julia ein Kind zu entwöhnen. Lange vor beiden griff schon Lukrez zu diesem Bild für eine Medizin, die gesüßt werden muss, um überhaupt eingenommen zu werden — bitterer Wermut, gerührt in honigsüßen Wein, damit ein Kind den Becher nicht zurückweist.
Verbrannt statt getrunken, wird aus derselben Bitterkeit etwas anderes: ein scharfer, klarer, krautiger Rauch, näher an Salbei oder Estragon als an irgendetwas Süßem. Es ist die Art von Duft, die einen Raum eher zu klären als zu füllen scheint — ein eigentümlich passendes Erbe für eine Pflanze, die in der einen oder anderen Form so oft dazu diente, etwas auszutreiben.
Journal — Materialien
Bernstein und der Wald, der zu Stein wurde
Feldnotizen · 14. März 2016
Ein Harz, das den Wald, aus dem es tropfte, um schätzungsweise vierzig Millionen Jahre überlebt hat — und das beim Verbrennen noch immer nach den Kiefern riecht, die niemand mehr gesehen hat.

Trommelpolierter Ostsee-Bernstein — Foto: W.carter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Bernstein ist kein Stein, wie sehr er in einem Ring auch danach aussehen mag: Er ist das Harz von Bäumen, die vor rund vierzig Millionen Jahren in weiten Teilen Nordeuropas wuchsen und sich über geologische Zeiträume zu etwas verhärteten, das sich polieren lässt und fast alles Organische überdauert. Der größte Teil dessen, was heute zu Schmuck oder Sammlungen gelangt — eine Form, die man speziell Succinit nennt — stammt aus einer einzigen, erstaunlich konzentrierten Quelle: der Küste um Kaliningrad an der Ostsee, die bis heute schätzungsweise neunzig Prozent des weltweit leicht zugänglichen Bernsteins birgt.
Diese Konzentration begründete eine Handelswirtschaft, die älter ist als die meisten Staaten, die seither Anspruch auf diese Küste erhoben haben. Die sogenannte Bernsteinstraße trug das Harz Jahrhunderte lang nach Süden zum Mittelmeer, bevor jemand diesen Handel im Detail schriftlich festhielt; spätestens zur Zeit des römischen Kaisers Nero, im ersten Jahrhundert, handelten römische Händler bereits direkt mit baltischen Quellen für ein Material, das es vor Ort gar nicht gab. Damit wurde er zu einem der wenigen Rohstoffe, die von Nordeuropa nach Rom reisten — und nicht umgekehrt.
Bernsteins zweites Leben, jenseits des Schmucks, entfaltet sich beim Verbrennen. Erhitzt statt poliert, gibt er einen harzigen, leicht süßlichen Duft frei, unverkennbar verwandt mit Kiefernholz, selbst nach vierzig Millionen Jahren — ein Geruch, der ihn in den Räucherrezepturen vieler Kulturen zu einem festen Bestandteil machte, und der, destilliert, Bernsteinsäure und Öle lieferte, die einst zu künstlichem Moschus verarbeitet wurden.
Was ihn beim Betrachten seltsam macht, mehr noch als sein Alter, sind die gelegentlichen blinden Passagiere: Insekten und Pflanzenreste, mitten im Flug im noch flüssigen Harz gefangen und über eine kaum vorstellbare Zeitspanne hinweg mitgetragen. Verbrennt man heute ein Stück baltischen Bernstein, ist der aufsteigende Rauch, chemisch betrachtet, noch immer der Rauch eines Waldes, den es seit vierzig Millionen Jahren nicht mehr gibt.
Journal — Pflanzen
Die Libanon-Zeder und die Erinnerung an einen Wald
Feldnotizen · 11. März 2016
Ein Baum, alt genug, um im ältesten erhaltenen Epos der Weltliteratur vorzukommen — und heute so selten, dass seine eigenen Sämlinge per DNA-Test von Nachahmungen unterschieden werden müssen.

Cedrus libani, die Libanon-Zeder — Foto: Zeynel Cebeci, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die Libanon-Zeder kann vierzig Meter Höhe erreichen; ihre waagerechten Äste breiten sich mit der Zeit zu jener breiten, flachen Krone aus, die einen ausgewachsenen Baum schon von Weitem unverwechselbar macht. Sie wächst nur in der Höhe — zwischen etwa dreizehnhundert und dreitausend Metern, in den Bergen des Libanon, im Westen Syriens und im südlichen Zentralanatolien, wo kühle Winter genug Regen und Schmelzwasser bringen, um einen Baum zu tragen, der Jahrhunderte alt werden kann. Eine verwandte Form auf dem Troodos-Gebirge Zyperns wird meist als eigene Varietät geführt.
Kaum ein Baum trägt so viel überlieferte Geschichte mit sich. Im Gilgamesch-Epos zieht der Held zu einem sagenhaften Zedernwald, der von einem Ungeheuer bewacht wird; spätere babylonische Fassungen der Erzählung verlegen diesen Wald in den Libanon selbst. Auch die hebräische Bibel kehrt immer wieder zum Baum zurück — Salomo lässt Zedernholz für den Tempel in Jerusalem beschaffen, und die Psalmen vergleichen den Gerechten mit einer Zeder, die im Libanon gedeiht. Phönizische Schiffsbauer fällten sie für Rümpfe, die bis nach Ägypten, Griechenland und Rom gelangten; noch heute steht der Baum auf der libanesischen Flagge — die eine Pflanze, die eine moderne Nation ins Zentrum ihres eigenen Wappens gestellt hat.
Diese lange Nutzung hat ihren Preis. Die Libanon-Zeder gilt inzwischen als gefährdet, ihre alten Wälder auf eine Handvoll geschützter Reste geschrumpft — darunter die Zedern Gottes bei Bscharre, ein Reservat, das mehr oder weniger deshalb überdauert hat, weil es seit Jahrhunderten bewacht wird. Die Türkei pflanzt heute über fünfzig Millionen junge Zedern pro Jahr auf einer Fläche von rund dreihundert Quadratkilometern, und Forscher der American University of Beirut haben DNA-Verfahren entwickelt, um schlicht zu bestätigen, dass ein bestimmter Sämling tatsächlich Cedrus libani ist — jung lassen sich verschiedene Zedernarten sonst kaum unterscheiden.
Was im Räucherwerk verbrannt wird, ist ein kleines, unscheinbares Stück desselben Holzes, aus dem einst Tempel und Schiffe gebaut wurden und das einem Epos seinen zentralen Wald gab — ein harziger, trockener, leicht rauchiger Duft, der, und sei es nur aus der Ferne, etwas von einem Baum in sich trägt, der alt genug wurde, um die Reiche zu überdauern, die ihn einst fällten.
Journal — Geschichte
Rosmarin und das Ungarische Wasser
Feldnotizen · 12. Januar 2016
Das älteste erhaltene Rezept für Europas ersten Alkohol-Duft: Rosmarin, Weingeist — und eine Königin, die es vermutlich nie gab.

Rosmarinus officinalis — Illustration: Köhler’s Medizinal-Pflanzen (1887), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Lange bevor Parfüm bedeutete, in Alkohol und Öl abgefüllten Duft um seiner selbst willen zu tragen, bedeutete es Medizin. Das älteste erhaltene Rezept für das, was später als Ungarisches Wasser bekannt wurde, stammt aus der Zeit um 1370: Rosmarin, eingelegt in Weingeist, manchmal mit etwas Thymian, destilliert zu einer klaren, scharf duftenden Flüssigkeit, die getrunken, in schmerzende Gelenke einmassiert oder gegen Kopfschmerzen auf die Schläfen getupft wurde.
Die Legende dazu – ein Einsiedler habe das Rezept einer ungarischen Königin gegeben, die dadurch bis ins hohe Alter Jugend und Schönheit zurückgewann und von einer Lähmung so vollständig geheilt wurde, dass ein polnischer König um ihre Hand anhielt – entstand größtenteils erst in Nacherzählungen ab dem 17. Jahrhundert, lange nachdem das Wasser selbst schon existierte. Wer die Königin tatsächlich war, ist bis heute nicht geklärt; die Geschichte brauchte einfach eine, und Ungarns Königinnen waren unglücklich genug, eine zu liefern.
Sicher ist, dass sich das Wasser verbreitete. Karl V. von Frankreich soll 1370 eine Flasche davon erhalten haben, und von dort aus verbreitete es sich über den ganzen Kontinent – der Duft, zu dem die meisten Menschen griffen, ob krank oder einfach nur, um sauber zu riechen, bis Eau de Cologne es im 18. Jahrhundert schließlich verdrängte. Spätere Rezepte milderten die Schärfe des Originals mit Lavendel, Minze, Salbei, Orangenblüte und Zitrone; französische Fassungen aus Montpellier, geschätzt für die Qualität des dortigen Rosmarins, wurden in den Zeitungen der Zeit sogar namentlich vor Fälschungen geschützt.
Rosmarin allein war damit Europas erste Begegnung mit einem Duft, der auf die moderne Art entstand – nicht zu Öl zerstoßen oder zu Paste gebunden, sondern mit Alkohol aus der Pflanze herausgezogen und in eine Flasche gebannt, die eine Königin, ob echt oder erfunden, bei sich tragen konnte.
Journal — Betrachtungen
Was haben Düfte und Klänge gemeinsam?
Feldnotizen · 20. Juni 2015
Warum reden wir bei einem Duft von ‘hoch’ und ‘tief’, bei einem Parfum von ‘Akkorden’ und ‘Noten’ — und meinen wir das nur bildlich, oder steckt mehr dahinter?

Chladnische Klangfigur — Muster, das feiner Sand auf einer schwingenden Platte bildet — Foto: Rodrigo Tetsuo Argenton, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die Sprache der Parfümerie ist durch und durch musikalisch geliehen: Kopfnote, Herznote, Basisnote; ein gutes Parfum ‘komponiert’ man, und die besten Nasen der Branche heißen bis heute ‘Parfümeure’, nicht ‘Mischer’. Diese Wortwahl ist über hundert Jahre alt — der Parfümeur Septimus Piesse veröffentlichte 1857 eine regelrechte ‘Duftskala’, die einzelne Rohstoffe bestimmten Tonhöhen zuordnete, von den ‘tiefen Bässen’ schwerer Moschus- und Ambranoten bis zu den ‘hohen Diskanttönen’ von Minze und Zitrus.
Lange Zeit galt das als hübsche Metapher und nicht mehr. Doch die experimentelle Psychologie hat in den letzten zwei Jahrzehnten begonnen, dieser Analogie nachzuspüren, und fand dabei erstaunlich konsistente, kulturübergreifende Muster: In Studien, unter anderem von Anne-Sylvie Crisinel und Charles Spence an der Universität Oxford, ordneten Versuchspersonen süße, fruchtige Düfte zuverlässig hohen Tönen zu, rauchige, erdige Düfte dagegen tiefen — unabhängig davon, ob sie über musikalisches Training verfügten oder nicht.
Diese sogenannten crossmodalen Korrespondenzen sind vermutlich kein Zufall, sondern ein Nebenprodukt davon, wie das Gehirn Wahrnehmung überhaupt organisiert: Areale, die für Riechen, Hören und selbst für das Sehen von Helligkeit zuständig sind, tauschen weit mehr Informationen miteinander aus, als lange angenommen wurde. Bei Synästhetikern — Menschen, bei denen sich diese Kanäle in bewussten, oft sehr präzisen Farb- oder Formwahrnehmungen verschränken — tritt dieser Effekt besonders ausgeprägt zutage; doch in schwächerer Form, so legen die Studien nahe, tragen wir alle ein wenig Synästhesie in uns.
Lange vor Kandinsky hatte bereits der französische Jesuitenpater Louis-Bertrand Castel 1725 ein ‘Augenklavier’ (clavecin oculaire) entworfen — ein Tasteninstrument, das beim Anschlag jeder Taste eine farbige Fläche sichtbar machen sollte, in der festen Überzeugung, Töne und Farben ließen sich in ein präzises, fast mathematisches Verhältnis zueinander setzen. Das Gerät funktionierte technisch kaum zufriedenstellend und wurde von Zeitgenossen streckenweise belächelt, doch der Gedanke dahinter — eine formale, reproduzierbare Übersetzung zwischen Sinnesqualitäten — kehrte in immer neuen Varianten wieder, bis hin zu Skrjabins ‘Lichtklavier’ fast zweihundert Jahre später.
Auch außerhalb von Kunst und Forschung hat sich die Analogie in der Praxis bewährt: Weinverkoster greifen ganz selbstverständlich auf musikalische Begriffe zurück — ein Wein wird als ‘harmonisch’, als ‘disharmonisch’ oder mit ‘langem Nachhall’ beschrieben —, und in der Lebensmittelindustrie wird inzwischen gezielt mit Hintergrundmusik experimentiert, um den wahrgenommenen Geschmack von Speisen und Getränken zu beeinflussen: hohe, helle Töne lassen Süßes süßer erscheinen, tiefe, dissonante Klänge verstärken den Eindruck von Bitterkeit — ein kommerziell genutzter Beleg für genau jene crossmodalen Korrespondenzen, die Crisinel und Spence im Labor nachwiesen.
Historisch war diese Verbindung nie ganz vergessen. Bereits Goethes Farbenlehre suchte nach Entsprechungen zwischen Tönen und Farben, und Kandinsky beschrieb explizit, wie bestimmte Farben in ihm musikalische Assoziationen auslösten — Gelb wie eine schrille Trompete, Blau wie ein Cello. Dass Duft in diesen Überlegungen meist fehlte, lag wohl weniger daran, dass die Verbindung schwächer wäre, als daran, dass Riechen in der westlichen Kulturgeschichte lange als der am wenigsten ‘geistige’ der Sinne galt — zu körperlich, zu animalisch, um ernsthaft neben Auge und Ohr zu stehen.
Ein Projekt wie Incense of Music, das seit seinem allerersten Abend im Juni 2015 Musik und Räucherwerk bewusst nebeneinanderstellt, arbeitet insofern nicht gegen eine bloße Metapher, sondern mit einer Verwandtschaft, die tiefer in der Wahrnehmung selbst verankert ist, als das Sprachbild vom ‘Duftakkord’ vermuten lässt. Wer bei einem Konzert gleichzeitig einen Ton hört und einen Rauch riecht, bringt beide, ob bewusst oder nicht, in dieselbe innere Werkstatt — dorthin, wo Wahrnehmung längst nicht mehr sauber nach Sinnesorganen sortiert ist.

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