Journal — Literatur

Besuch auf Godenholm

Feldnotizen · 15. Juli 2018

Eine Passage aus Ernst Jüngers Novelle von 1952, in der Räucherrauch zu etwas wird, das eher Vision ist als Duft.

AntanO, Incense stick, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

„Das Licht begann zu knistern; ein blauer Faden stieg vom Leuchterrand empor. Ich betrachtete ihn erst mit Erstaunen, dann mit Entzücken, als ob mir eine neue Kraft des Auges zuteil geworden sei. In ihr enthüllten sich die Spiele dieses nach Honig duftenden Rauches, der sich auf schlankem Stiel erhob und dann in zarter Krone verästelte. Es war, als ob ihn meine Einbildung geschaffen hätte – ein blasses Seeliliengespinst in Tiefen, die kaum vom Schlag der Brandung zitterten. (…) Nun traf ein Lufthauch die Vision und drehte sie geschmeidig um die Achse wie eine Tänzerin. (…) Die Strahlen und Gitter der Wunderblume schwenkten in neue Ebenen, in neue Felder ein. Myriaden von Molekülen beugten sich der Harmonie. Hier wirkten die Gesetze nicht mehr unter dem Schleier der Erscheinung; der Stoff war so ätherisch, daß er sie offen spiegelte. Wie einfach und zwingend das alles war. Die Zahlen, Maße und Gewichte traten aus der Materie hervor. Sie warfen die Gewänder ab. (…) Dem müßte eine Anschauung entsprechen, der sich Bereiche offenbarten, zu denen sonst nur die Musik vordringt – zur schwerelosen Zone zwischen sinnlicher und geistiger Wirklichkeit. (…)“

Ernst Jünger, Besuch auf Godenholm
Klett-Cotta, Sämtliche Werke in 18 Bd., Stuttgart 1978

Crinoidea (Haeckel)