Journal — Zeremonien, Teil 1/5

Zeremonien mit Räuchern: Europa

Feldnotizen · 25. März 2017

Mit diesem Beitrag beginnt eine kleine Reihe im Journal: fünf Streifzüge zu den Räucherzeremonien der fünf Kontinente, in loser Folge, nicht als Wettlauf durch die Weltkarte, sondern als fünf eigenständige Betrachtungen. Den Anfang macht Europa — und dort die älteste erhaltene Räuchertradition des Kontinents.

Der Botafumeiro schwingt durch das Querschiff der Kathedrale von Santiago de Compostela — Foto: Luis Miguel Bugallo Sánchez, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Europas älteste erhaltene Räuchertradition reicht bis in die griechische und römische Antike zurück, wo Weihrauch — meist importiert, nie heimisch gewachsen — fester Bestandteil von Opferritualen war: Kein Altaropfer galt ohne die begleitenden Rauchwolken als vollständig, und Weihrauch war so wertvoll, dass ihn sich private Haushalte oft nur zu besonderen Anlässen leisten konnten.

Das frühe Christentum übernahm die Praxis zunächst zögerlich — Weihrauch war so eng mit dem römischen Kaiserkult verbunden, dass die Weigerung, ihn vor einer Kaiserstatue zu verbrennen, für frühe Christen buchstäblich lebensgefährlich war und in zahlreichen Märtyrergeschichten eine zentrale Rolle spielt. Erst nachdem das Christentum selbst zur Staatsreligion geworden war, wandelte sich Weihrauch vom Symbol heidnischer Loyalität zum festen liturgischen Element der eigenen Kirche — eine bemerkenswerte Umdeutung desselben Materials innerhalb weniger Jahrhunderte.

Bis heute begleitet das Räuchern mit dem Thuribel, einem an Ketten schwingenden Metallgefäß, feierliche Messen in der katholischen wie in der orthodoxen Kirche: Der aufsteigende Rauch symbolisiert traditionell die zum Himmel aufsteigenden Gebete der Gläubigen, ein Bild, das sich fast wörtlich schon im biblischen Psalm 141 findet — ‘Mein Gebet steige auf vor dir wie Weihrauch.’

Die spektakulärste erhaltene Form dieser Praxis findet sich in der Kathedrale von Santiago de Compostela: Der Botafumeiro, ein etwa 1,50 Meter hohes, rund 80 Kilogramm schweres Silbergefäß, wird von einem Team aus acht Männern, den tiraboleiros, an einem System von Seilen durch das gesamte Querschiff der Kathedrale geschwungen, bis er nahezu die Decke streift — eine Geschwindigkeit von über 60 Kilometern pro Stunde am tiefsten Punkt der Bahn. Der praktische Ursprung dieser Tradition liegt vermutlich weniger im rein Spirituellen als im Handfesten: Erschöpfte, monatelang unterwegs gewesene Pilger füllten die mittelalterliche Kathedrale mit einem Geruch, den man mit großzügigen Mengen schwingenden Weihrauchs zu übertönen suchte.

Nördlich der Alpen entwickelte sich, unabhängig von der kirchlichen Liturgie, eine eigenständige volkstümliche Räuchertradition, die bis heute vor allem im deutschsprachigen und alpinen Raum lebendig ist: das Räuchern in den Rauhnächten, den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig. Mit Mischungen aus Weihrauch, Myrrhe, Wacholder, Salbei und weiteren Kräutern zieht man dabei durch Haus und Stall, um das alte Jahr symbolisch auszuräuchern und das neue rein zu empfangen — eine Praxis, deren vorchristliche Wurzeln bis heute diskutiert werden, die sich aber in ihrer heutigen Form eng mit dem kirchlichen Kalender der Raunächte verwoben hat.

Lavendel und Labdanum, die harzige Zistrosen-Ausscheidung, die seit der Antike im gesamten Mittelmeerraum gesammelt wird — der Legende nach ursprünglich aus dem Fell weidender Ziegen ausgekämmt, die durch die klebrigen Zistrosensträucher gestreift waren —, stehen exemplarisch für eine dritte, weniger zeremonielle, aber ebenso alte europäische Räuchertradition: das häusliche, oft informelle Verbrennen einfacher, lokal verfügbarer Kräuter und Harze, ganz ohne den institutionellen Rahmen von Kirche oder Ritual, einfach um einen Raum angenehm duften zu lassen.

Im 20. Jahrhundert schließlich gab Europa dem Räuchern und Duften noch eine dritte, säkulare Deutung: 1937 prägte der französische Chemiker René-Maurice Gattefossé, nachdem er sich bei einer Laborexplosion die Hand verbrannt und angeblich zufällig in reinem Lavendelöl gekühlt hatte, den Begriff ‘Aromathérapie’ — die Geburtsstunde einer Bewegung, die ätherische Öle nicht mehr primär religiös oder rituell, sondern medizinisch-therapeutisch deutete und damit, ohne es zu beabsichtigen, einen Bogen zurück zu den ältesten europäischen Räuchertraditionen schlug, in denen Heilung und Zeremonie ohnehin nie streng getrennt waren.

Nicht zufällig stand genau diese Kombination — Lavendel und Labdanum — im März 2017 bei Incense of Music 12 auf dem Programm, in einem Konzert, das unter dem Titel Archivo Pittoresco explizit mit erinnerter, imaginierter Vergangenheit spielte. Europas Räuchergeschichte, von der Opferstätte über die Kathedrale bis zum Küchentisch, zeigt: Der Kontinent, der Weihrauch nie selbst anbaute, hat ihn sich trotzdem, über zweieinhalb Jahrtausende hinweg, so gründlich zu eigen gemacht wie kaum ein anderes importiertes Gut.