Journal — Düfte
Die Prinzessin und der Bitterorangenbaum
Feldnotizen · 20. Dezember 2017
Ein Name, der seit mehr als dreihundert Jahren an einer römischen Fürstin hängt, weil ihre Handschuhe besser dufteten als die von jedermann sonst.
Citrus aurantium, die Bitterorange — Foto: Zeynel Cebeci, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Neroli wird aus den Blüten des Bitterorangenbaums gewonnen, nicht aus der Frucht — ein feiner, aber entscheidender Unterschied, denn derselbe Baum liefert noch zwei weitere, völlig eigenständige Düfte: Petitgrain aus Blättern und Zweigen, Bitterorangenöl aus der Schale. Das Blütenöl selbst ist grün, leicht bitter, mit einer metallischen Schärfe im Kopf, die sich erst nach einigen Minuten zu etwas Honigartigem, fast Hautwarmem hin öffnet. Wer nur das süße, runde Orangenblütenwasser aus der Küche kennt, ist von reinem Neroli meist überrascht.
Ganz neu war der Duft zur Zeit der Fürstin freilich nicht: Orangenblütenwasser, aqua nanfa, war im arabisch geprägten Sizilien und in al-Andalus schon Jahrhunderte zuvor bekannt, verwendet in Küche wie Kosmetik. Was sich mit Anne Marie Orsini änderte, war nicht die Entdeckung des Duftes, sondern sein gesellschaftlicher Status: Aus einem regional gebräuchlichen Wasser wurde, dank ihr, ein Statussymbol der europäischen Höfe.
Seinen Namen verdankt das Öl nicht der Botanik, sondern einer Frau. Anne Marie Orsini, Herzogin von Bracciano und Fürstin von Nerola — einem kleinen Ort nordöstlich von Rom —, machte gegen Ende des 17. Jahrhunderts das Bitterorangenöl an ihrem Hof salonfähig: Sie parfümierte damit ihre Handschuhe und ihr Badewasser, und binnen kurzer Zeit sprach man in den europäischen Höfen nicht mehr vom Bitterorangenöl, sondern schlicht vom acqua di Nerola. Aus dem Fürstentitel wurde ein Gattungsname, der bis heute in keiner Parfümeur-Ausbildung fehlt.
Das 18. Jahrhundert nahm die Mode dankbar auf: Neroli wurde zu einem der tragenden Bausteine des frühen Eau de Cologne, jener kühlen Zitrus-Kräuter-Komposition, die von Köln aus die halbe Welt eroberte. Heute steht Neroli in der Parfümerie meist im Herzen einer Komposition, zwischen den flüchtigen Kopfnoten und den schwereren Basisnoten — ein Öl, das sowohl an einen Ballsaal des 17. Jahrhunderts erinnern kann als auch, ganz unprätentiös, an einen Orangenhain im Frühling. Nicht ganz zufällig stand bei Incense of Music 22 im Dezember 2017 genau diese Kombination auf dem Programm: Petitgrain und Neroli, zwei Gesichter desselben Baumes, an einem Abend nebeneinander verbrannt.

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