Journal — Literatur
Duft und Literatur
Feldnotizen · 8. Januar 2020
Der am schwersten zu beschreibende Sinn hat, aller Schwierigkeit zum Trotz, einige der eigenwilligsten Seiten der Weltliteratur hervorgebracht.

Charles Baudelaire, um 1862 — Foto: Étienne Carjat, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Lange vor Baudelaire war Duft bereits zentrales Bildmaterial biblischer Liebesdichtung: Das Hohelied Salomos, vermutlich im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung entstanden, beschreibt die Geliebte in einer Fülle von Duftmetaphern — Myrrhe, Narde, Henna, ‘ein versiegelter Garten’ voller Gewürze —, in denen Duft nicht schmückendes Beiwerk, sondern direktes Sinnbild für Begehren selbst ist. Diese enge Verknüpfung von Duft und erotischer Sprache zieht sich, oft unbemerkt, durch weite Teile der Weltliteratur bis zu Baudelaire und darüber hinaus.
Kein Dichter hat den Duft so systematisch ins Zentrum seiner Poetik gerückt wie Charles Baudelaire. Sein programmatisches Sonett Correspondances, 1857 in Les Fleurs du mal veröffentlicht, entwirft die Natur als einen ‘Tempel’, dessen lebendige Säulen ‘verworrene Worte’ hervorbringen, während ‘Düfte, Farben und Töne einander antworten’ — eine der frühesten und einflussreichsten literarischen Formulierungen jener synästhetischen Verwandtschaft zwischen den Sinnen, die spätere Symbolisten wie Rimbaud und Mallarmé direkt aufgriffen.
Baudelaire blieb dabei nicht bei der Theorie. In La Chevelure feiert er das Haar einer Geliebten als Reisemittel — ‘ich atme lange den Duft deines Haares’, schreibt er, und lässt sich von diesem Duft nach Afrika, in ferne Häfen, in ganze imaginierte Welten tragen; in Le Flacon beschreibt er, wie ein alter, halb leerer Parfumflakon, geöffnet nach Jahren, eine ‘trunkene Seele’ und eine ganze verlorene Vergangenheit freisetzt — eine Vorwegnahme von Prousts Madeleine, mehr als sechzig Jahre bevor Proust seinen Roman veröffentlichte.
Wo Baudelaire den Duft feiert, treibt Joris-Karl Huysmans ihn in seinem 1884 erschienenen Roman À rebours (Gegen den Strich) bis zur Erschöpfung: Sein Protagonist Des Esseintes, ein dekadenter Ästhet, der sich völlig von der Gesellschaft zurückgezogen hat, experimentiert in einem eigenen Laboratorium mit Parfummischungen, komponiert ‘Duftsymphonien’ und ordnet Rohstoffe nach ihrer vermeintlichen musikalischen Entsprechung — eine fiktionale Figur, die genau jene Duft-Klang-Analogie, die Septimus Piesse wenige Jahrzehnte zuvor als Fachbegriff geprägt hatte, bis zur Karikatur einer ganzen Lebensform steigert.
Ein Jahrhundert später gelang Patrick Süskind mit Das Parfum (1985) das seltene Kunststück, einen ganzen Roman um den Geruchssinn selbst zu bauen: Sein Protagonist Grenouille, geruchlos geboren, aber mit einem übermenschlichen Riechvermögen ausgestattet, wird zum mordenden Parfumeur, der den ‘perfekten’ Duft eines Menschen zu destillieren sucht. Süskinds größte Leistung liegt weniger in der Handlung als in der Sprache selbst: Er beschreibt Gerüche mit einer Präzision und Fülle an Vokabular, die zeigt, wie viel literarisches Potenzial in einem Sinn steckt, den die Sprache sonst notorisch schlecht bedient.
Diese Beispiele — Baudelaire, Huysmans, Proust, Süskind — trennen mehr als hundert Jahre, doch sie teilen eine gemeinsame Beobachtung: Duft entzieht sich der direkten Beschreibung fast immer, lässt sich fast nur über Umwege einfangen — über Erinnerung, über Vergleich, über eine ganze erzählte Geschichte, die um ihn herum aufgebaut wird. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Duft in der Literatur, anders als in der bildenden Kunst oder Musik, nie direkt dargestellt, sondern immer nur erzählt werden kann — und warum genau diese Umständlichkeit so viele der eigenwilligsten Seiten der Weltliteratur hervorgebracht hat.
Ein Räucherkonzert wie Incense of Music steht, ohne es zu benennen, in genau dieser Tradition: Es versucht, mit anderen Mitteln zu tun, wofür Baudelaire ein ganzes Sonett und Süskind einen ganzen Roman brauchten — den flüchtigsten aller Sinne für einen Moment greifbar zu machen.

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