Journal — Zeremonien, Teil 3/5
Zeremonien mit Räuchern: Nordamerika
Feldnotizen · 10. Dezember 2021
Der dritte Teil der Reihe widmet sich einer Praxis, die zugleich zu den bekanntesten und zu den am häufigsten missverstandenen der Welt zählt: dem Smudging der amerikanischen Ureinwohner.

Weißer Salbei (Salvia apiana) im Joshua Tree National Park — Foto: Joshua Tree National Park, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Kaum ein Räucherritual ist außerhalb seines Ursprungskontexts so populär geworden wie das ‘Smudging’ mit Weißem Salbei (Salvia apiana), einer Pflanze, die ausschließlich in den trockenen Küstenregionen Südkaliforniens und Baja Californias wächst. In zahlreichen indigenen Traditionen Nordamerikas — unter anderem bei den Chumash, den Lakota und vielen kalifornischen Völkern, wenn auch keineswegs bei allen in gleicher Form — dient das Verbrennen von Salbei dazu, einen Menschen, einen Raum oder einen Gegenstand von negativer Energie zu befreien, oft eingebettet in Gebete, Gesänge oder größere zeremonielle Zusammenhänge.
Neben Salbei spielt Süßgras (Hierochloe odorata) eine zentrale Rolle, meist zu langen Zöpfen geflochten und häufig erst nach dem Salbei verbrannt — sinnbildlich dafür, dass zunächst das Negative vertrieben und erst danach das Positive, Süße eingeladen wird. Zeder wiederum, besonders bei den Anishinaabe und vielen Plains-Völkern, gilt als Schutzpflanze, die oft in Verbindung mit Trommelzeremonien oder dem Betreten heiliger Räume verbrannt wird. Diese drei Pflanzen bilden zusammen mit Tabak die sogenannten ‘vier heiligen Pflanzen’, wie sie in vielen, wenn auch nicht allen, Traditionen Nordamerikas verstanden werden.
Entscheidend ist dabei: Es gibt kein einheitliches ‘indigenes Räucherritual’. Die über fünfhundert heute staatlich anerkannten Stämme allein in den USA — von den Küstenvölkern Kaliforniens bis zu den Haudenosaunee im Nordosten — pflegen eigenständige, oft sehr unterschiedliche spirituelle Praktiken, die zudem meist nicht isoliert für sich stehen, sondern in größere zeremonielle, gemeinschaftliche und häufig auch heilkundliche Zusammenhänge eingebettet sind, die einem außenstehenden Blick oft verborgen bleiben.
Die globale Popularität von ‘Smudging’ — heute in unzähligen Wellness-Kontexten, Yogastudios und Esoterikläden weltweit anzutreffen, meist losgelöst von jedem religiösen oder kulturellen Rahmen — hat in den letzten Jahren zu einer wachsenden, differenzierten Debatte geführt. Kritisiert wird dabei selten die Praxis des Räucherns an sich, die in nahezu jeder Kultur der Welt eine eigene Form gefunden hat, sondern zweierlei ganz Konkretes: die Verwendung spezifischer, geschützter Begriffe und heiliger Gegenstände außerhalb ihres rituellen Kontexts, sowie eine kommerzielle Übernutzung von Salvia apiana, die in ihrem begrenzten natürlichen Verbreitungsgebiet inzwischen sichtbar zurückgeht.
Botanisch betrachtet ist Weißer Salbei kein Kulturpflanze im engeren Sinn — er wächst wild, langsam, an schwer zugänglichen Hängen, und lässt sich kaum in großem Maßstab nachhaltig anbauen. Der internationale Boom hat ausgerechnet jene Pflanze unter Druck gesetzt, die in ihrer ursprünglichen Verwendung stets in kleinen, bedachten Mengen geerntet wurde.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein Projekt wie Incense of Music 52, das im November 2021 explizit mit Weißem Salbei arbeitete, als eine besondere Verantwortung eher denn als bloße Materialwahl: Ein Räucherstoff mit einer derart spezifischen kulturellen Geschichte lässt sich schwer als reines Aroma behandeln, losgelöst von der Frage, wo er herkommt und wer ihn zuerst als heilig verstanden hat.
Bemerkenswert ist zudem, dass Räucherpraktiken wie diese in den USA lange keineswegs selbstverständlich rechtlich geschützt waren: Erst der American Indian Religious Freedom Act von 1978 stellte klar, dass traditionelle spirituelle Praktiken — einschließlich des Zugangs zu heiligen Orten und Materialien — verfassungsrechtlichen Schutz genießen, nachdem sie über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhunderts durch staatliche Assimilationspolitik aktiv unterdrückt worden waren, etwa in den sogenannten Internatsschulen, in denen religiöse Zeremonien der Ureinwohner über Jahrzehnte verboten blieben.
Andere nordamerikanische Traditionen bleiben international weit weniger bekannt, obwohl sie ebenso alt sind — das Verbrennen von Kopal-ähnlichen Harzen bei mesoamerikanisch geprägten Gemeinschaften im Südwesten der heutigen USA etwa, oder die spezifischen Tabakzeremonien der Haudenosaunee, bei denen Tabak nicht geraucht, sondern verbrannt wird, um Gebete buchstäblich ‘aufsteigen’ zu lassen. Sie erinnern daran, dass ‘nordamerikanische Räucherzeremonie’ ein Sammelbegriff für eine Vielfalt ist, die sich kaum auf ein einzelnes Bild — Salbeirauch über einer Abalone-Muschel — reduzieren lässt, so verbreitet dieses Bild inzwischen auch geworden ist.

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