Journal — Literatur

Die Bedeutung der Düfte bei Marcel Proust

Feldnotizen · 10. November 2018

Ein in Lindenblütentee getauchtes Gebäckstück und ein ganzer Roman, der daraus erwächst — kaum ein literarisches Bild hat unser Verständnis von Geruch und Erinnerung so geprägt wie dieses.

Marcel Proust, um 1895 — Foto: Otto Wegener, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Die berühmteste Madeleine der Literaturgeschichte taucht bereits am Anfang von Prousts siebenbändigem Auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf: Der Erzähler, erwachsen und gelangweilt an einem Wintertag, tunkt ein Stück Gebäck in Lindenblütentee — und wird, kaum berührt die Mischung seine Lippen, von einer Erinnerungswelle überflutet, die eine ganze verlorene Kindheit in Combray zurückbringt, Straßenzüge, Gärten, Menschen, die er längst vergessen glaubte.

Entscheidend an dieser Szene ist, dass sie nicht willentlich geschieht. Proust nennt dieses Phänomen mémoire involontaire, unwillkürliche Erinnerung, und stellt sie scharf der bewussten, angestrengten Erinnerung gegenüber, die für ihn stets unvollständig und blass bleibt. Nur der Geschmack — eng verwandt, physiologisch wie literarisch, mit dem Geruch — besitzt die Kraft, eine vollständige, körperlich erlebte Vergangenheit ungefiltert zurückzuholen, ohne dass der Verstand sie erst mühsam rekonstruieren müsste.

Diese literarische Beobachtung nimmt, ohne es zu wissen, etwas vorweg, das die Neurowissenschaft erst ein Jahrhundert später bestätigen sollte: Der Riechkolben ist eng mit dem Hippocampus und der Amygdala verschaltet, jenen Hirnregionen, die für Gedächtnis und Emotion zuständig sind — und das nahezu ohne Umweg über den für bewusstes Denken zuständigen Kortex. Visuelle und akustische Reize werden dagegen zunächst über den Thalamus verarbeitet, gewissermaßen ‘gefiltert’, bevor sie das Gedächtniszentrum erreichen. Gerüche haben es einfacher: einen kürzeren, direkteren Draht ins emotionale Gedächtnis.

Die Madeleine ist zudem nur der bekannteste, nicht der einzige Duftauslöser im Roman. Bereits kurz zuvor beschreibt der junge Erzähler den betäubenden, fast schmerzhaften Duft blühender Weißdornhecken (aubépines) am Wegrand von Combray mit einer Intensität, die deutlich macht, wie sehr Proust selbst — zeitlebens von schwerem Asthma geplagt und in seinen letzten Lebensjahren buchstäblich in einem korkverkleideten, staub- und geruchsarmen Zimmer arbeitend — Gerüche als etwas nahezu Übermächtiges erlebte, dem man sich kaum entziehen konnte.

Der nach Proust benannte ‘Proust-Effekt’ bezeichnet heute in der Psychologie genau dieses Phänomen: die besondere Fähigkeit von Gerüchen, weit lebendigere, emotional dichtere Erinnerungen auszulösen als Bilder oder Töne es vermögen. Wer selbst schon einmal von einem einzigen, flüchtigen Duft — einem bestimmten Waschmittel, einer bestimmten Zigarettenmarke, dem Geruch eines lange nicht mehr betretenen Hauses — unvermittelt in eine vergangene Zeit zurückversetzt wurde, hat Prousts Madeleine am eigenen Leib erlebt, auch ganz ohne Lindenblütentee.