Anis (Pimpinella anisum)
Anis (Pimpinella anisum) ist eine einjährige krautige Pflanze aus der Familie der Doldenblütler, beheimatet im östlichen Mittelmeerraum und in Südwestasien, heute aber weltweit in warmen, gemäßigten Klimazonen kultiviert. Sie wird etwa 30 bis 60 Zentimeter hoch, trägt fein gefiederte, hellgrüne Blätter und kleine weiße Blütendolden, aus denen sich nach der Bestäubung die gerippten, ovalen, graubraunen Samen entwickeln – botanisch genau genommen sogenannte Spaltfrüchte –, die den charakteristischen, an Lakritz erinnernden Duft der Pflanze tragen. Verantwortlich dafür ist vor allem das ätherische Öl Anethol, das Anis mit dem völlig unverwandten Sternanis aus Ostasien teilt, weshalb die beiden trotz botanischer Distanz aromatisch leicht verwechselt werden. Neben den Samen werden gelegentlich auch die zarten, fein gefiederten Blätter frisch als Küchenkraut verwendet, wenngleich ihr Aroma deutlich milder ausfällt. Heute zählen die Türkei, Spanien, Ägypten, Mexiko und Indien zu den bedeutendsten Anbauländern.
Anis wird seit dem alten Ägypten für kulinarische und medizinische Zwecke angebaut; Samenreste fanden sich bereits in Grabbeigaben aus der Zeit um 1500 v. Chr. Im antiken Griechenland und Rom galt er als verdauungsförderndes und atemerfrischendes Mittel und wurde in gewürzten Kuchen, den sogenannten „mustaceum", serviert, die traditionell am Ende üppiger Festmähler gereicht wurden, um die Verdauung zu unterstützen. Im Mittelalter war Anis in Europa so begehrt, dass König Eduard I. von England im 13. Jahrhundert eine eigene Steuer auf importierten Anis erhob, um mit den Einnahmen eine Brücke zu reparieren. Bis heute prägt Anis zahlreiche Küchen und Spirituosen des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens – von griechischem Ouzo und türkischem Raki über italienischen Sambuca bis zum französischen Pastis, die alle auf der milchigen Trübung beruhen, die entsteht, wenn sich das anisölhaltige Getränk mit Wasser mischt. Auch im alten China und in Indien fand die Pflanze früh Eingang in traditionelle Gewürzmischungen und Heilrezepturen, wenngleich dort meist der unverwandte Sternanis bevorzugt wurde.
Als Räucherwerk entfaltet Anis einen süßen, warmen, unverkennbar an Lakritz erinnernden Duft mit einer leicht würzigen, wärmenden Schärfe. Er wird traditionell mit Verdauungswohl und innerer Beruhigung assoziiert und galt in verschiedenen europäischen Volkstraditionen zudem als schützend: Ein Zweig oder ein Säckchen mit Anissamen unter dem Kopfkissen sollte einst vor Albträumen bewahren und einen ruhigen Schlaf fördern. In Mischungen wird Anis gern mit anderen süßlichen oder harzigen Zutaten kombiniert, denen er eine helle, fast konfektartige Kopfnote verleiht. In der modernen Parfümerie wird Anisöl zudem als preiswerter, gut verfügbarer Ersatz für teurere süße Gewürznoten geschätzt und findet sich in zahlreichen orientalisch inspirierten Duftkompositionen wieder.
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