Journal — Kulturgeschichte

Rausch mit Düften — eine Kulturgeschichte

Feldnotizen · 20. Oktober 2019

Lange bevor jemand etwas trank oder rauchte, um den Kopf zu verändern, saß man vielleicht schon in einem Raum voller Rauch, ohne es zu wollen.

Schlafmohn (Papaver somniferum) — Foto: Ermell, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der griechische Historiker Herodot beschreibt im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, wie die Skythen nach einem Begräbnis Hanfsamen auf glühende Steine in einem geschlossenen Zelt warfen — ‘und sie freuen sich über den Dampf’, schreibt er, ‘und schreien vor Freude’. Es ist eine der frühesten erhaltenen Beschreibungen eines Rauschs, der nicht durch Trinken oder Rauchen im heutigen Sinn entsteht, sondern durch das schlichte Einatmen von Rauch in einem geschlossenen Raum — Archäologische Funde verkohlter Cannabissamen in skythischen Grabkammern haben Herodots Bericht inzwischen weitgehend bestätigt.

Auch das berühmteste Orakel der Antike, das der Pythia in Delphi, wird seit der Antike mit berauschenden Dämpfen in Verbindung gebracht: Antike Autoren beschreiben einen süßlichen Geruch, der aus einer Erdspalte unter dem Tempel aufgestiegen sein soll, während die Pythia in Trance ihre vieldeutigen Sprüche verkündete. Geologische Untersuchungen des Fundorts im frühen 21. Jahrhundert fanden tatsächlich Hinweise auf ethylenhaltige Gase entlang lokaler Verwerfungslinien — eine Erklärung, die unter Fachleuten diskutiert, aber keineswegs abschließend bewiesen ist. Unabhängig von der genauen Chemie zeigt der Fall, wie eng eingeatmeter Dampf und religiöse Autorität in der Antike verbunden sein konnten.

Auch das ägyptische Kyphi, jene vielschichtige Räuchermischung aus Wein, Honig und einem guten Dutzend Harzen, wurde nach Aussage antiker Autoren wie Plutarch nicht nur als Räucherwerk, sondern gezielt am Abend verbrannt, um Schlaf und angenehme Träume zu fördern — eine frühe, bewusste Nutzung von Rauch zur Bewusstseinsveränderung, wenn auch in sanfterer Form als bei den Skythen.

Erstaunlich direkt bestätigt moderne Pharmakologie einen Teil dieser jahrtausendealten Beobachtungen für ausgerechnet den bekanntesten aller Räucherstoffe: Eine 2008 in der Fachzeitschrift The FASEB Journal veröffentlichte israelisch-amerikanische Studie identifizierte im Rauch von verbranntem Weihrauch eine Substanz namens Incensol-Acetat, die im Tierversuch messbar angstlösend und stimmungsaufhellend wirkte, vermittelt über einen Ionenkanal (TRPV3) in bestimmten Hirnregionen — ein Mechanismus, der mit klassischen Rauschmitteln nichts zu tun hat, aber erklären könnte, warum Weihrauchrauch über Jahrtausende hinweg, unabhängig voneinander, in so vielen religiösen Kontexten als beruhigend und erhebend empfunden wurde.

Der Übergang zwischen ‘Duft’ und ‘Droge’ war historisch also nie so klar, wie es die heutige, meist getrennte Behandlung von Parfümerie und Rauschmittelgeschichte suggeriert. Dieselben Pflanzen — Hanf, Mohn, verschiedene Harze — tauchen in Räucherzeremonien wie in expliziten Rauschpraktiken auf, oft im selben kulturellen Kontext, manchmal sogar in derselben Zeremonie, je nach verbrannter Menge und Konzentration.

Eine oft erzählte, aber historisch stark angezweifelte Legende verortet eine ähnliche Verbindung im mittelalterlichen Persien und der Levante: Der Name der als ‘Assassinen’ bekannten ismailitischen Sekte soll sich von hashishiyya, ‘Haschischkonsumenten’, ableiten, mit der Erzählung, ihre Anhänger seien vor Attentaten mit Haschisch berauscht worden, um ihnen einen Vorgeschmack aufs Paradies zu geben. Moderne Historiker halten diese Geschichte inzwischen überwiegend für eine spätere, meist europäische Ausschmückung ohne verlässliche zeitgenössische Belege — ein Beispiel dafür, wie leicht sich Rausch und Räucherwerk auch nachträglich zu einer dramatischen, aber unzuverlässigen Erzählung verdichten lassen.

Eine unerwartete, sehr viel jüngere Fortsetzung dieser alten Verwischung der Grenze zwischen Duft und Rausch fand sich ausgerechnet im frühen 21. Jahrhundert: ‘Kräutermischungen’, unter Bezeichnungen wie K2 oder Spice offen als ‘Räucherwerk, nicht zum menschlichen Verzehr geeignet’ verkauft, enthielten tatsächlich synthetische Cannabinoide und lösten ab etwa 2008 in den USA und Europa eine Welle behördlicher Verbote aus — ein zynisches, aber sprechendes Beispiel dafür, wie der rechtliche Status des Wortes ‘Räucherwerk’ selbst genutzt wurde, um eine Substanz zu verkaufen, die mit klassischem Duft nur noch die Verpackung gemein hatte.

Ein Projekt wie Incense of Music, das im Oktober 2019 unter anderem mit Drachenblut arbeitete — dem tiefroten Harz mehrerer tropischer Baumarten, dem seit der Antike magische und heilende Kräfte zugeschrieben werden —, bewegt sich insofern in einer Tradition, die Rausch nie streng von Ritual getrennt hat: Wo Rauch aufsteigt, war der Übergang zwischen Erhebung und Veränderung des Bewusstseins historisch selten weit.