Journal — Instrumente

Die Stimme in der Mitte: Eine kleine Geschichte der Viola

Feldnotizen · 7. Oktober 2026

Sie ist größer als die Geige, kleiner als das Cello und klingt doch nach keinem von beiden. Über ein Instrument, das gelernt hat, aus der Mitte zu sprechen – und über die Menschen, die es zum Leuchten bringen.

Viola von Antonio Stradivari, 1696

Antonio Stradivari, Viola contralto des „Cuarteto Real“, 1696, Königspalast Madrid – Foto: Joseolgon, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Instrument zwischen den Stühlen

Es gibt Instrumente, die sofort den Raum beanspruchen: die Geige mit ihrem Glanz, das Cello mit seiner warmen Tiefe. Und es gibt die Viola – die Bratsche –, die sich irgendwo dazwischen eingerichtet hat. Im Streichquartett spielt sie selten die Melodie und fast nie den Bass. Sie füllt die Harmonie, verbindet, vermittelt, hält zusammen. Wer genau hinhört, merkt jedoch, dass gerade dort, in der Mitte, oft das Wesentliche geschieht.

Am 16. Oktober stehen bei Incense of Music Nr. 76 gleich drei Violen auf der Bühne: AJ Nilles, Grégoire Simon und Yodfat Miron. Ein guter Anlass, diesem eigenwilligen Instrument einmal ausführlich zuzuhören.

Woher sie kommt

Die Viola ist so alt wie die Geige selbst – vielleicht sogar ein wenig älter. Beide entstanden in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in Norditalien, als Familie der viole da braccio, der „Armgeigen“, im Unterschied zu den viole da gamba, die man zwischen den Knien hielt. Aus diesem braccio wurde im Deutschen die „Bratsche“; im Italienischen blieb einfach „viola“, im Französischen heißt sie „alto“ – nach der Stimmlage, die sie im Ensemble übernimmt.

Zu den frühesten Bildzeugnissen dieser neuen Instrumentenfamilie gehören die musizierenden Engel, die Gaudenzio Ferrari in den 1530er-Jahren in die Kuppel des Wallfahrtsheiligtums von Saronno bei Mailand malte. Die ältesten erhaltenen Instrumente stammen von Andrea Amati aus Cremona, der um die Jahrhundertmitte Violinen, Violen und Violoncelli baute – in Formen, die im Kern bis heute gültig sind.

In der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts war die mittlere Lage oft doppelt oder dreifach besetzt: Es gab Alt- und Tenorviolen in unterschiedlichen Größen. Viele der großen Tenorviolen wurden später verkleinert, weil sie unbequem zu spielen waren und die Satzweise sich änderte. Nur wenige haben in ihrer ursprünglichen Größe überlebt.

Ein unmögliches Instrument

Die Viola ist eine Quinte tiefer gestimmt als die Geige, auf C – G – d – a, und damit genau eine Oktave höher als das Cello. Akustisch betrachtet müsste ihr Korpus für diese Stimmung über fünfzig Zentimeter lang sein. Ein solches Instrument ließe sich aber nicht mehr unter dem Kinn halten. Also baut man Violen meist zwischen etwa 38 und 43 Zentimetern – ein Kompromiss zwischen Physik und menschlichem Arm.

Genau dieser Kompromiss macht ihren Klang aus. Die Viola ist für ihre Tonlage eigentlich „zu klein“, und das hört man: Ihr Ton ist etwas verhangen, dunkel, leicht nasal, manchmal herb, oft von einer stillen Melancholie. Hector Berlioz, einer der ersten Komponisten, der sie ernst nahm, lobte in seiner Instrumentationslehre ihren tief melancholischen Charakter. Viele Hörer:innen empfinden sie als das Streichinstrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt – einer Altstimme, die nicht glänzen muss, um zu berühren.

Eine Eigenheit hat sie auch auf dem Notenpapier: Die Viola liest im Altschlüssel, einem C-Schlüssel auf der mittleren Linie. Kaum ein anderes Instrument benutzt ihn heute noch regelmäßig – auch das macht die Bratschistinnen und Bratschisten zu einer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft.

Die großen Instrumentenbauer

Neben Andrea Amati und seinen Nachfahren in Cremona war es vor allem die Schule von Brescia, die große, klangmächtige Violen hervorbrachte: Gasparo da Salò und sein Schüler Giovanni Paolo Maggini bauten Instrumente von beeindruckender Größe und dunkler Kraft, die bis heute von Bratschist:innen gesucht werden.

Antonio Stradivari baute Hunderte von Geigen, aber nur sehr wenige Violen – erhalten sind nur rund zehn. Jede von ihnen ist eine Legende. Die Tenorviola des sogenannten Medici-Quintetts von 1690 ist in Florenz zu sehen, die „Archinto“ von 1696 gehört der Royal Academy of Music in London, und die Viola des spanischen „Cuarteto Real“, ebenfalls von 1696, steht im Königspalast von Madrid. Als 2014 die „Macdonald“-Viola von 1719 versteigert werden sollte, lag das Mindestgebot bei 45 Millionen Dollar – sie fand keinen Käufer. Von Giuseppe Guarneri „del Gesù“, dem großen Rivalen Stradivaris, ist keine einzige Viola bekannt.

Im 20. Jahrhundert versuchten Geigenbauer immer wieder, das Größenproblem zu lösen. Der Bratschist Lionel Tertis entwickelte zusammen mit dem Geigenbauer Arthur Richardson ein eigenes, besonders klangvolles „Tertis-Modell“; spätere Bauer experimentierten mit asymmetrischen, ergonomischen Formen, die mehr Resonanz bei weniger Gewicht versprechen. Die perfekte Viola, so heißt es unter Musiker:innen, gibt es nicht – nur Instrumente, die mit ihrem Kompromiss besonders schön umgehen.

Musik für die Viola

Lange war die Viola ein Instrument der Mittelstimme. Doch schon im Barock gab es Ausnahmen: Georg Philipp Telemann schrieb eines der frühesten Violakonzerte, und Johann Sebastian Bach ließ im sechsten Brandenburgischen Konzert die Geigen ganz weg – zwei Violen führen das Stück an. Mozart, der im Quartett selbst gerne Bratsche spielte, gab ihr in der Sinfonia concertante KV 364 eine gleichberechtigte Solorolle neben der Geige; damit sie strahlender klingt, wird sie dort sogar einen Halbton höher gestimmt.

Im 19. Jahrhundert komponierte Berlioz für Paganini die Sinfonie „Harold en Italie“ mit Solo-Viola – Paganini fand die Partie zu wenig virtuos und spielte sie nie. Brahms schrieb seine beiden späten Sonaten op. 120 für Klarinette oder Viola. Den eigentlichen Durchbruch brachte das 20. Jahrhundert: Paul Hindemith, selbst ein hervorragender Bratschist, schrieb Sonaten und Konzerte für sein Instrument und spielte 1929 die Uraufführung von William Waltons Violakonzert. Béla Bartók arbeitete bei seinem Tod an einem Violakonzert, das sein Schüler Tibor Serly vollendete. Und Dmitri Schostakowitschs letztes Werk, 1975 vollendet, ist eine Sonate für Viola und Klavier – ein Abschied in dunklen, leisen Farben.

Gerade die Neue Musik hat die Viola geliebt, vielleicht weil sie so viel Raum zwischen den Tönen lässt. Giacinto Scelsi schrieb mit „Manto“ ein Stück, in dem der Bratschist im dritten Teil zu singen beginnt. Luciano Berio widmete ihr eine seiner „Sequenzen“, Morton Feldman den Zyklus „The Viola in My Life“. György Ligeti eröffnete seine Sonate für Viola solo mit „Hora lunga“, einem „langen Lied“, das an rumänische Hirtenmelodien erinnert. Zwei dieser Werke – Ligetis „Hora lunga“ und Scelsis „Manto III“ – erklingen auch beim Konzert am 16. Oktober.

Tenorviola von Antonio Stradivari, 1690
Lionel Tertis

Links: Antonio Stradivari, Tenorviola des „Medici-Quintetts“, 1690, Galleria dell’Accademia, Florenz – Foto: Yair Haklai, CC BY-SA 4.0. Rechts: Lionel Tertis, um 1920 – Bain News Service, gemeinfrei. Beide via Wikimedia Commons

Die großen Stimmen der Viola

Dass die Viola heute als Soloinstrument gilt, verdankt sie vor allem einem Mann: Lionel Tertis (1876–1975). Der Engländer spielte unermüdlich Konzerte, bearbeitete Werke für sein Instrument und überzeugte Komponisten, für ihn zu schreiben. Ihm folgte der Schotte William Primrose (1904–1982), dessen Virtuosität endgültig bewies, dass die Bratsche alles kann, was die Geige kann – nur mit anderer Farbe. Für ihn entstand das Konzert von Bartók.

In der Generation danach prägten Yuri Bashmet, Kim Kashkashian, Nobuko Imai und Tabea Zimmermann das Bild des Instruments – Zimmermann übrigens auch als langjährige Professorin in Berlin. Heute gehören Antoine Tamestit, der auf der Stradivari-Viola „Mahler“ von 1672 spielt, Lawrence Power und Maxim Rysanov zu den bekanntesten Stimmen. Und weit außerhalb der Klassik zog John Cale mit seiner elektrisch verstärkten Bratsche bei The Velvet Underground eine dröhnende Spur durch die Rockgeschichte.

Die Mitte als Ort

Über kein Instrument werden so viele Witze erzählt wie über die Bratsche. Wer selbst spielt, kennt sie alle – und lacht meist am lautesten. Denn hinter dem Spott steckt eine stille Bewunderung: Die Viola muss sich nicht in den Vordergrund drängen, um unverzichtbar zu sein. Sie ist das Instrument der Zwischentöne, der Resonanz, des Zuhörens.

Vielleicht passt sie deshalb so gut zum Räucherwerk. Auch ein Duft drängt sich nicht auf; er breitet sich aus, füllt den Raum von innen und verbindet, was vorher getrennt war. Am 16. Oktober treffen drei Violen auf Weihrauch aus Jemen und Weißen Salbei – und in „Under the Voice“, einer komponierten Improvisation für drei teilweise gedämpfte Violen, wird die Stimme in der Mitte selbst zum Raum.

Incense of Music Nr. 76 – AJ Nilles, Grégoire Simon, Yodfat Miron: Freitag, 16. Oktober 2026, 20 Uhr, PANDA Platforma, Berlin. Programm & Tickets · Newsletter abonnieren