2018

2018

Incense of Music 23/ Forest of Symbols

Das erste Konzert im Jahre 2018 fand in der Galerie Vinogradov in Berlin Prenzlauer Berg am 13. Januar statt. Anlass war das sog. Alte Russische Neujahr und eine Kooperation mit dem Künstlerkollektiv “International Cultural Project Butterbrot” mit Aleksandra Yurieva-Civjane und Alexandra Goloborodko. Es sollte das erste Konzert in der Serie werden mit einem Bezug zur visuellen Kunst. Als Musiker trat Arkady Shilkloper mit Didgeridoo, Fluegelhorn und Waldhorn auf. Die beiden Künstlerinnen aus Moskau sammelten abgelebte, auf der Strasse gefundene Weihnachtsbäume, die mittlerweile ungeschminkt, traurig auf ihre Entsorgung warteten, und machten aus ihnen eine Rauminstallation. Die unplanmäßige Wiederverwendung der abgestorbenen Pflanzen illustrierte die Schattenseiten der Glorifizierung der Tanne: noch vor kurzem Symbol und ästhetischer Höhepunkt der Weihnachstfeierlichkeiten, bald darauf ein Wegfwerfartikel, welches die Leute herzlos auf die Strasse warfen, da es seine befristete Funktion erübrigt hatte. Zu den Baumresten zeigten die Künstlerinnen auch Videoprojektionen mit abstraktem und weniger abstraktem, urbanem Bildmaterial und Lichteffekte unterschiedlichster Art. Arkady Shilkloper bewegte sich durch die Galerie, spielte und improvisierte virtuos mit seinen verschiedenen Instrumenten. Eine sehr persönliche, virtuose, leidenschaftliche Reise entlang der Schwelle von Jazz, Klassik und Popmusik. Die Künstlerinnen trugen eine Maske vor dem Gesicht und unsere altbewährte Schale mit dem angezündeten Räucherwerk in ihren Händen. Sie verteilten den Rauch durch den Raum und brachten ihn vis-á-vis direkt zu den Zuschauern. Entschieden hatten wir uns gemeinsam themen- und konzeptuellgerecht für Hölzer und Nadeln der Nordmann-Tanne, eine Pflanzenart aus der Gattung Tannen (Abies) in der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae). Sie wurde 1842 nach dem finnischen Biologen Alexander von Nordmann (1803–1866) benannt, nachdem dieser sie in den Kaukasus entdeckt hatte. Diese Pflanze kann bis zu 60 Meter Höhe erreichen und 500 Jahre alt werden. Heimisch ist sie in dem westlichen Kaukasus und im Ostpontischen Gebirge in Georgien, Russland, der nordöstlichen Türkei und Aserbaidschan. Die Nordmann-Tanne wird aufgrund ihrer Eigenschaften als Weihnachtsbaum benutzt.

Incense of Music 24/ Anissegos, Karl – Sweetgrass

Am 23. Februar 2018 zelebrierten wir im Salon Dreiklang bei Natascha Osterkorn das zweite Konzert des Jahres mit einem aussergewöhnlichen Duo: Antonis Anissegos am Flügel und Kay Karl an den Gongs. Mit Sicherheit eine auf den Konzertpodien der Welt eher selten anzutreffende Formation. Antonis Anissegos, geboren in Thessaloniki, Griechenland, ist ein äusserst eklektischer und geistesoffener Musiker. Sein Repertoire reicht von klassischer europäischer über experimentelle und Free Jazz bis hin zu elektronischer Musik. In der Welt Rachmaninovs ebenso zuhause wie in der von Cecil Taylor. Auch als Komponist hat Antonis sich einen Namen gemacht, seine Werke umfassen kammermusikalische und orchestrale Arbeiten, sogar eine Oper stammt aus seiner Feder. Kay Karl kommt aus einer vollkommen anderen Richtung. Sie ist langjährige Schülerin von Don Conreaux, dem Grand Master of the Gongs aus den USA, von dem sie Spieltechniken, Gong Yoga, Gong Pujas und Gongbäder erlernte. Der Gong ist ein selbsttönender Klangkörper, der aus einer kreisrunden Metalplatte besteht. Erste Zeugnisse dieses Musik- und Signalinstrumentes sind im Antiken Griechenland zu finden, andere Spuren führen nach China und nach Zentralasien. Beim Spielen entstehen Vibrationen und Schwingungen, die eine heilende und reinigende Kraft besitzen. Durch die Klangexposition sind tiefe Trancezustände möglich, das Erweitern der eigenen Grenzen spürbar. Beste Voraussetzungen für uns, um dazu noch etwas zu räuchern. Für diesen Abend entschieden wir uns für zwei wundervolle Pflanzen: Süßgras (Hierochloe odorata), auch als Duftmariengras, Vanillegras oder als Bisongras bezeichnet, ist ein kumarinhaltiger Vertreter aus der Familie der Süßgräser (Poaceae). Es duftet aromatisch nach Waldmeister und wurde bei der Verehrung der Jungfrau Maria verwendet, worauf der deutsche Name Bezug nimmt. Das duftende Mariengras ist in ganz Europa, Asien und Nordamerika weit verbreitet, kommt aber meist nur zerstreut bis selten vor.

Im zweiten Teil des Abends wurden anschliessend Hölzer und Harze des Guajakbaumes verräuchert, eine Pflanze mit sehr hartem, harzreichem Holz, die im tropischen und subtropischen Amerika heimisch ist. Sie verfügt über besonders aromatische ätherische Öle, die tief, intensiv, balsamisch und aphrodisierend wirken. Im Spiel der musikalischen und olfaktorischen Akteure entwickelte sich ein ganz besonderer Abend, der in den hier präsentierten Videos natürlich nur erahnt werden kann. Immerhin!

 

Incense of Music 25/ Bellanova, Flaig

Seit mindestens 40.000 Jahren werden Flöten und die sog. Perkussion als Klangerzeugungsmittel verwendet. Aus Pflanzenteilen, Tierfellen und Knochen hergestellt, sind sie die wahrscheinlich ersten Musikinstrumente der Menschheit, die Stimme und Händeklatschen begleitet bzw. ersetzt haben. Incense of Music Nr. 25 präsentierte am 21. April 2018 späte Nachfolger dieser zwei Instrumentenfamilien und bot ein Programm mit mittelalterlicher italienischer Musik, zeitgenössischen Stücken von Racheal Cogan, Liedern und Tänzen aus Griechenland, dem Iran und der Türkei. Auf der Bühne musizierten Valentina Bellanova aus Florenz und Sebastian Flaig aus Freiburg, klassisch ausgebildete Musiker, die seit Jahren ein breites stilistisches Spektrum pflegen, das von orientalischer Musik zum Jazz, von der Zeitgenössischen bis hin zur Alten Musik reicht.

Valentina brachte zum Musizieren eine Sopranino-, eine Sopran-, eine Tenor- und eine Bassblockflöte, ferner eine Ney und eine Shakuhachi mit; Sebastian – zwei unterschiedliche Trommeln, eine Santur, ein grosses Becken, eine Daf, eine Tombak, Meditationsglocken und Klangschalen. Blockflöten, die mit beiden Händen zu spielen waren, sind in Europa seit dem frühen Mittelater belegt. Als ganze Instrumentenfamilie, durch alle Tonlagen hindurch, etabliert sich die Blockflöte bis zur Renaissance; wird aber ab dem 18. Jahrhundert von der klanglich ausgeglicheneren Querflöte verdrängt. Die zentralasiatische Ney (aus einem beidseitig offenen Rohr des Pfahlrohrs) und die chinesische Shakuhachi (aus Madake-Bambus) sind bereits viel länger im Einsatz. In ihren jeweiligen Kulturen gelten sie als Instrumente für spirituelle Zwecke. Dafs sind Rahmentrommeln, die aus einem flachen kreisrunden Holzrahmen bestehen, der einseitig mit Ziegenfell oder Schaffell bespannt ist. Verbreitet sind diese Instrumente im Mittleren Osten, dem südlichen Zentralasien, in Indien, den arabischen Länder, im Maghreb und in Südosteuropa. Die Tombak, eine hölzerne Bechertrommel, stammt aus Persien. Ebenfalls die Santur, ein trapezförmiges, mit 72 Metallsaiten bespanntes und mit leichten Holzschlägeln zu spielendes Instrument. Sie wird auch in der irakischen und indischen Kunstmusik benutzt.

Die Feuer- und Klangkraft der vorhandenen Instrumente transformierten die Künstler zu einer musikalischen Reise, die mehrere Jahrhunderte und Kontinente berührte. Das Programm, heiter und festlich, lud zum Tanzen ein. Nachzuempfinden  ist das Ganze in der Videodokumentation zweier Stücke, die hier präsentiert werden: eines aus dem italienischem Mittealter, das andere, White call, komponiert von Sebastian Flaig.

Wir intervenierten mit zwei altbewährten Klassikern der Räucherkunst, die wir bereits öfters gewinnbringend in unserer Serie präsentiert hatten: Weihrauch und Labdanum. Diese kostbaren Gaben der Natur versinnbildlichen, als Duo auf der Duftebene, die Beziehung zwischen Osten und Westen: das beste Boswelia sacra kommt aus dem Oman, man erinnere sich an die legendäre Weihrauchstrasse von Dhofar nach Gaza; das Labdanum, das Harz aus der Zistrose, wurde bereits im antiken Griechenland hoch gewürdigt. Es wurde also ein reicher Abend mit vielen, verschiedenen Protagonisten. Es geht ja um Begegnung, und an diesem Abend kam einiges zusammen.

 

Incense of Music 26/ Chisholm, Despotakis, Lubbe

Nüchternheit spielt bei Incense of Music seit Anfang an eine untgergeordnete Rolle. Im Gegenteil: das Ritual mit den Pflanzen lädt die Teilnehmer zum Rausch ein, stofflich und auch buchstäblich. Die Moleküle der Pflanzen vereinen sich während der Konzerte mit allen Teilnehmern und verursachen schöne Momente.

So wie z.B. am 31. Mai 2018 im Salon Dreiklang von Natascha Osterkorn bei Konzert Nr. 27. Auf der Bühne ein Künstlertrio aus drei unterschiedlichen Kontinenten: Hayden Chisholm – Saxophon, Sruti Box und Gesang – Neuseeland; Yannis Despotakis – Schlagzeug und Gesang – Griechenland; Gareth Lubbe – Klavier, Viola und Gesang – Südafrika. Die Musiker, die über ein technisch, ausgereiftes Können verfügen, waren an dem Abend willens Zustände zwischen Schlaf- und Wachsein (Hypnagogie), zwischen Real- und Traumwelt (Meditation, Trance und Delirium), zwischen Depression und Ekstase (Indifferenz und Liebe) musikalisch zu erforschen und dem Publikum darzubieten, während der Konzertraum mit Duftschwaden erst von Palo Santo, später von Galbanum geschwängert wurde. Ach, waren das noch Zeiten!

Das Konzert fing mit einem energischem Solo von Yannis Despotakis am Schlagzeug an, dh. an einer Trommel plus einem Becken. Dabei sang der Künstler improvisierte Laute, die mehr und mehr sich Richtung Obertongesang entwickelten, ohnehin eine der angekündigten Spezialitäten des Abends. Gareth Lubbe und Hayden Chisholm schlossen sich gesangstechnisch dem an und improvisierten polyphone Klangfarben mit hoher Virtuosität. Dann kamen weitere Instrumente hinzu: eine Sruti Box, eine Viola und ein Altsaxophon, ausserdem der Rauch des Palo Santo, diesem wunderbaren Holz aus Südamerika, das Klarheit und Fokussiertheit schenkt. Die Zuschauer kamen dem o.g. Rausch immer näher.

Die Aria aus Bachs Goldbergvariationen diente Gareth Lubbe als Inspiration für den zweiten Teil des Abends. Seine Viola hatte ausgedient, er blieb bis zum Ende des Konzertes am Flügel. Bald darauf entwickelte sich erneut ein Obertongesangschor, und bald darauf mischten Saxophon, Schlagzeug und Sruti Box im musikalischen Kontext wieder mit. Der zweite Duft des Abends, Galbanum, den wir hier bereits als tief, kraftvoll, scharf, schmutzig, balsamisch, frisch und moschusartig beschrieben haben, tat das Übrige. Mehr und mehr verlor die nüchterne Betrachtungsweise ihre Koordinaten, mehr und mehr gewann das Metaphysische und das Transzendentale an Höhe. Am Ende gab es etwas Nebel und viel Applaus.