Journal — Pflanzen

Wermut und die Bitterkeit, die zum Getränk wurde

Feldnotizen · 15. März 2016

Bitter genug, um einem Getränk und einem Magenmittel denselben Namen zu geben — und um in der Offenbarung des Johannes ein Drittel der Flüsse bitter zu machen.

Artemisia absinthium (Wermut) — Foto: Agnieszka Kwiecień, Nova, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wermut kündigt sich an, bevor man ihn berührt: ein niedriger, silbriger Strauch, dessen fein zerteilte Blätter selbst in der Hochsommerhitze wie mit Reif überzogen wirken, beheimatet in den trockenen Böden Nordafrikas und des gemäßigten Eurasiens und mittlerweile ebenso in Kanada wie im Kaschmirtal heimisch geworden. Das Silbrige stammt von einem feinen Flaum aus Härchen und Öldrüsen, der der Pflanze zugleich ihre Bitterkeit und ihren Duft verleiht — scharf, krautig, leicht medizinisch, der Geruch von etwas, dem man Wirkung zutraut.

Diese Bitterkeit hat der Pflanze eine lange Karriere beschert. Ihr deutscher Name Wermut ging nahezu unverändert als „vermouth“ ins Englische über, in jenen weinbasierten Aperitif, den sie bis heute aromatisiert; dieselbe Pflanze, destilliert statt eingelegt, wurde zum wichtigsten Bitterstoff im Absinth. Englische Brauer verwendeten sie stellenweise im 18. Jahrhundert anstelle von Hopfen, und Kräuterkundige griffen über Jahrhunderte hinweg zu ihr als Mittel gegen Darmwürmer — daher auch ihr englischer Name „wormwood“.

Ihre Bitterkeit reichte über die Apotheke hinaus. In der Offenbarung des Johannes benennt ein fallender Stern namens Wermut ein Drittel der Flüsse der Erde, die dadurch untrinkbar werden; bei Shakespeare reibt sich eine Amme Wermut auf die Brust, um in Romeo und Julia ein Kind zu entwöhnen. Lange vor beiden griff schon Lukrez zu diesem Bild für eine Medizin, die gesüßt werden muss, um überhaupt eingenommen zu werden — bitterer Wermut, gerührt in honigsüßen Wein, damit ein Kind den Becher nicht zurückweist.

Verbrannt statt getrunken, wird aus derselben Bitterkeit etwas anderes: ein scharfer, klarer, krautiger Rauch, näher an Salbei oder Estragon als an irgendetwas Süßem. Es ist die Art von Duft, die einen Raum eher zu klären als zu füllen scheint — ein eigentümlich passendes Erbe für eine Pflanze, die in der einen oder anderen Form so oft dazu diente, etwas auszutreiben.